Keiner will den Hochschulausbau zahlen: Studentenhoch schafft dicke Luft

Hunderttausende Studierende drängen in den nächsten Jahren zusätzlich an die Hochschulen. Das kostet Milliarden. Bund und Länder streiten, wer es bezahlen soll.

Die trotz Protest eingeführten Studiengebühren reichen nicht für den nötigen Hochschulausbau. Bild: ap

Überfüllte Hörsäle, Wartelisten für Seminare, Professoren, die sich um fast 200 Studenten kümmern müssen: Schon heute sind die Zustände an vielen deutschen Universitäten alles andere als rosig.

Doch sie könnten noch schlimmer werden, wenn Bund und Länder sich nicht bald einigen. "Hochschulpakt II" lautet die Chiffre, die in den nächsten Monaten noch für Konflikte sorgen wird. Dahinter steckt der Versuch der Politik, mit dem erwarteten Studentenberg in den kommenden Jahren fertig zu werden.

Im ersten Teil des Hochschulpakts hatten Bund und Länder im vergangenen Jahr vereinbart, bis 2010 rund 91.000 zusätzliche Studienplätze zu schaffen. Der Bund stellt dafür 565 Millionen Euro bereit, die Länder tragen die andere Hälfte.

Doch der große Ansturm steht erst nach 2010 an. Wegen der Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre drängen in fast allen Bundesländern doppelte Abiturjahrgänge an die Hochschulen: 2010 in Hamburg, 2011 in Bayern und Niedersachsen, 2012 in Baden-Württemberg und Berlin, 2013 in Nordrhein-Westfalen.

Nach Zahlen der Kultusministerkonferenz wird die Zahl der Studienanfänger von 368.000 im Jahr 2004 auf bis zu 450.000 im Jahr 2012 ansteigen, um dann bis 2020 allerdings wieder etwas nachzulassen.

Doch die Zahlen, mit denen bisher auch die Bundesregierung gerechnet hat, stammen aus dem Jahr 2005. Nach Einschätzung von Experten sind sie zu konservativ. "Die Studienanfängerzahlen sind zu niedrig angesetzt", sagt Christian Berthold vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Laut Berechnungen des CHE drängen bis 2020 rund 700.000 zusätzliche Studierende an die Unis. Das würde laut CHE bis zu 16 Milliarden Euro mehr kosten.

Das halten Bildungspolitiker für zu hoch gegriffen. Milliarden aber wird der Pakt auf alle Fälle kosten. "Die Finanzminister werden ihre Portemonnaies weiter öffnen müssen als beim ersten Pakt", sagt Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

Das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium rechnet allein für sein Land mit rund 160.000 zusätzlichen Studienanfängern zwischen 2010 und 2020. (Siehe links) Das koste geschätzte 2,25 Milliarden Euro. "Wir brauchen so schnell wie möglich eine klare Vereinbarung, wie es mit dem Hochschulpakt weitergeht", sagt NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart. "Die Hochschulen brauchen Planungssicherheit. Wenn ich am Montag merke, dass zu wenig Professoren da sind, kann ich am Dienstag eben noch keine neuen einstellen."

Die SPD will mit dem zweiten Teil des Pakts nicht nur 200.000 zusätzliche Studienplätze bis 2015 schaffen, sondern auch die Lehre an den Unis verbessern. "Der Hochschulpakt soll zu einem Pakt für gute Lehre werden", sagt Jörg Tauss, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion.

Empfehlungen zu einer Verbesserung der Lehre wird auch der einflussreiche Wissenschaftsrat, ein Beratungsgremium des Bundes, in seiner Sitzung Anfang Juli verkünden. Auch das kostet natürlich Geld. Im Gespräch sind zusätzliche 1,2 Milliarden Euro - pro Jahr.

Derzeit laufen erste Vorgespräche zur Neuauflage des Hochschulpakts. Im Juli wird er erstmals in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern verhandelt. Im Herbst dann soll der Pakt neben dem Fachkräftemangel und der Fortsetzung der Exzellenzinitiative für die Unis auf der Tagesordnung beim Bildungsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel stehen. Wie üblich bei solchen Gipfeln hätte die Politik gerne eine Einigung. Wenn möglich im Vorfeld - um auf dem Gipfel Erfolge präsentieren zu können. WOLF SCHMIDT

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