: Kein Computer, keine Zeitung
Wie in Nordzypern ein unbequemes Blatt der Opposition mundtot gemacht werden soll
BERLIN/NIKOSIA taz ■ Wie teuer Schmähungen gegen ihren Präsidenten sind, muss in diesen Tagen die zyperntürkische Zeitung Avrupa erfahren. Das Oppositionsblatt hatte es gewagt, Rauf Denktasch, Präsident der international nicht anerkannten „Türkischen Republik Nordzypern“, verdächtiger Verbindungen zum britischen Kolonialregime auf Zypern in den 50er-Jahren zu bezichtigen. Für diese Vorwürfe, so das Urteil des Schwurgerichts in Nord-Nikosia im Januar, soll das kleine Blatt nun die sagenhafte Strafe von 260.000 Dollar zahlen. Mit ihren Vorwürfen habe die Zeitung „im Volk Hass gegen den zyperntürkischen Staat gesät“ und die Tätigkeit der Sicherheitskräfte unterminiert, so die originelle Urteilsbegründung.
Da Avrupa nicht zahlen konnte, hat die Polizei am 16. Mai alle Computer, Drucker und Möbel im Redaktionsbüro beschlagnahmt. Das Blatt musste sein Erscheinen einstellen. Der Verdacht liegt nahe, dass hier eine Stimme der Opposition mit freundlicher Unterstützung der Justiz zum Schweigen gebracht werden soll. Denn Avrupas Herausgeber Sener Levent hatte im April – erfolglos – bei den Präsidentschaftswahlen gegen Denktasch kandidiert.
Europäische Diplomaten haben in Nikosia ihre Verwunderung über das Vorgehen gegen Avrupa zum Ausdruck gebracht. Eine zyperngriechische Zeitung hat angeboten, alle Artikel von Avrupa aus Solidarität nachzudrucken. Eine Geldspende kam vom Verband der zyperntürkischen Journalisten. Der OSZE-Beauftragte für die Medien, Freimut Duve, bat die türkische Regierung darum, ihren Einfluss in Nord-Nikosia geltend zu machen.
Derzeit kann Avrupa dank geliehener Technik und Schreibtischen wieder erscheinen. Und bleibt dabei genauso frech wie vorher: „Stoppt Ankara! Seit 1974 hat Ankara Nordzypern in ein Piratennest verwandelt“ lautete die Schlagzeile des Blattes am Montag letzter Woche.
KLAUS HILLENBRAND
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