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Kaputte Medaillen bei OlympiaDas Ende der Legende

Bei den Winterspielen gehen reihenweise die Medaillen kaputt. Ein Hinweis auf die Vergänglichkeit olympischen Ruhms.

Noch intakt, muss man gut drauf aufpassen: olympische Goldmedaille 2026 Foto: Kappeler/dpa

W er dem Gedöns folgt, das wichtigwichtige Funktionäre machen, glaubt zu wissen: Olympiasieger und -siegerin ist man für die Ewigkeit. Während es jede Menge Ex-Weltmeister und Ex-Europameisterinnen gibt, kann der Titel, den Sportler und Sportlerinnen mit dem Sieg bei Olympischen Spielen erreichen, nie vergehen. Und die Medaille kann einem niemand nehmen.

Es sei denn, das blöde Ding geht kaputt.

Breezy Johnson aus den USA hat in Cortina die olympische Abfahrt gewonnen, doch ihre Goldmedaille hat bereits einen Riss. Von dem Band, an dem sie baumelte, war sie abgefallen. Putt. Ebba Andersson aus Schweden holte im Skiathlon Silber, und nach der Siegerehrung zerbrach die Plakette. Schrott. Und der deutsche Biathlet Justus Strelow versuchte, mit seiner Bronzemedaille zu feiern. Prompt fiel auch ihm das dumme Ding hin, er konnte es aber reparieren. Her mit dem Sekundenkleber!

Eine olympische Bronzemedaille hat den Materialwert von 4 Euro. Dafür wird vier Jahre lang trainiert?

Fürs erste Wochenende der Winterspiele ist das schon eine recht peinliche Bilanz des angeblich ewigen olympischen Ruhms. Zugleich ist es vielleicht ein kleiner Fingerzeig, dass das Gedöns mit der Ewigkeit wohl doch nicht so stimmt.

ROC – Das Russische Olympische Komitee

Ein kleiner Test zur Überprüfung. Wer hat denn, sagen wir, 2022 in Peking das Bronze in der Mixed-Staffel im Biathlon gewonnen? Also etwa das, worüber Justus Strelow feiern wollte? ROC war's, zwei Männer und zwei Frauen, die nicht für Russland, sondern fürs Russische Olympische Komitee antraten. Ewiger Ruhm dürfte etwas anderes sein.

Wenn man genau hinschaut, wird das mit Olympismus immer schräger. Eine olympische Goldmedaille enthält 500 Gramm Feinsilber, genauso wie eine olympische Silbermedaille. Der Unterschied ist einzig, dass der Goldmedaille 6 Gramm Feingold beigemischt werden. Etwas mehr als 1 (ein!) Prozent Gold ist also in der Goldmedaille. Na, vielen Dank auch.

Schinden für 1.808 Euro

Eine Kurzrecherche, wie viel der Metallpflatsch denn erbringt, wenn man das ganze ideologische Getue abzieht, ergibt den Tageswert von 1.808 Euro für Gold und 1.010 Euro für Silber. Dafür haben sich Athleten und Athletinnen vier Jahre lang geschunden?

Um die Ernüchterung komplett zu machen, seien noch die Daten für die Medaille nachgereicht, die die Drittplatzierten umgehängt kriegen – sofern das Band hält. Die hat gerade mal eine Kupferlegierung, ihr Materialwert liegt bei 4 Euro.

Da wird einem auch klar, wofür dieses Gedöns, diese „Religio Athletae“ erfunden wurde. Um davon abzulenken, dass man sich von einem Olympiasieg nix kaufen kann.

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Martin Krauss
Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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