Berliner Tagebuch: Kaffeeküche eröffnet
■ Berlin vor der Befreiung: 4. April 1945
Foto: J. Chaldej/Voller Ernst
Früh schrecke ich aus dem Bett. Schon wieder Alarm. Der Strom wird abgeschaltet. Also wieder mal kein Frühstück und voraussichtlich auch kein Mittagessen. Um Trost zu holen, gehe ich zu Heike hinüber. Ihr Zimmer ist schwarz von Qualm. Vom Balkon tönt emsiges Rumoren und Töpfeklappern. „Hast du eine Rußfabrik eröffnet?“ erkundige ich mich interessiert. Sie steckt ihr kohlenverschmiertes Gesicht zur Tür herein. „Nein“, lacht sie strahlend, „nur eine Kaffeeküche für Mißgelaunte. Selfmade!“
Ich betrachte bewundernd ihre Handarbeit. Fünfunddreißig Ziegelsteine, geschickt zu einer offenen Feuerstelle geschichtet. Zwei Eisenstangen als Rost, darauf unser Wasserkessel. „Vorläufig verfeuere ich meine Liebesbriefe“, erläutert Heike. „Qualmen zwar ein bißchen, heizen aber großartig.“ Der Kaffee ist heiß und schmeckt nach Räucherwaren. Ruth Andreas-Friedrich
„Der Schattenmann“. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1984 und „Schauplatz Berlin“, Suhrkamp 1984
Ruth Andreas-Friedrich (1901–1977), Journalistin, Mitglied einer Widerstandsgruppe
Recherche: Jürgen Karwelat
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