KOMMENTARE: Dual und unkontrolliert
■ Deutscher Plastikmüll mit dem Grünen Punkt findet sich bald in aller Welt
Manchmal erlebt man ja ein politisches Déjà vu. In Zeiten politischer Auseinandersetzung träumt man davon, wie der siegreiche politische Gegner sich als größter Fiesling unter der Sonne entpuppt. Anfang der Woche konnten all die Umweltschützer, die in den vergangenen zwei Jahren überzeugt gegen die private Müllwirtschaft im Rahmen des Dualen Systems Deutschland gekämpft haben, ihr Déjà vu erleben.
Die DSD kassiert von Konsumentinnen und Konsumenten schon heute für die private Beseitigung der steigenden Verpackungsflut. Es geht um Milliarden, und die Müllbranche ist im Goldfieber. Die mit der DSD verbundenen Firmen sind nicht im Business, um die Natur zu schützen, sie wollen Profite machen. Wie in den Goldgräberstädten sind im Graubereich zwischen Gesetz und Gesetzlosigkeit die Klunker am größten.
Der größte dieser Graubereiche beginnt hinter der bundesdeutschen Grenze. Im Ausland, mehr noch im wilden Osten als im französischen Westen, ist mit Müll fast alles erlaubt, wird fast nichts kontrolliert.
Und so wandert der bundesdeutsche Verpackungsmüll, hat er erst einmal den Schlagbaum passiert, genauso unkontrolliert und verantwortungslos durch ganz Europa, wie sich das jeder Ökologen-Stammtisch vorgestellt hat.
Aber in der Goldgräberstadt der Müllmafia ist es wie in jedem guten Western. Irgendwann müssen die Gauner weiterziehen. In den Gold-Claims, in denen das Eigentum einigermaßen sauber abgesteckt ist, wollen die ordentlichen, reich gewordenen Mitglieder der Gemeinde ihre Ruhe haben. Frankreich ist ein solcher Fall. Die Französinnen und Franzosen haben einfach die Schnauze voll vom Müll der Barbaren jenseits des Rheins. Blutbeutel, Plastikspritzen und anderer Klinikmüll heizen das Gefühl der ordentlichen französischen Bürger weiter an.
Künftig werden die Müllmanager im gemeinsamen Westeuropa deshalb mehr Probleme haben, als sie einst dachten. Die Fernsehkamera ist überall dabei, das Bild von der Margarinedose mit Grünem Punkt im Baggersee braucht kein Übersetzung. Das aber wird sie nicht daran hindern, den ihren Dreck künftig in den Osten zu transportieren. Um den Müllhandel wirklich unterbinden zu können und der Verunstaltung ganz Europas durch geldgierige Müllmanager vorzubeugen, gibt es nur ein Therapie: Selber fressen lassen. Jede Kommune und jedes Bundesland löse sein Müllproblem vor Ort: Den Müll in den eigenen Vorgarten. Das gilt aber nicht nur für die DSD, es gilt auch für die wohlbetuchten Starnberger und all die anderen westlichen Wohlstandsgemeinden, die ihren Müllexport im Kleinen betreiben: nach Mecklenburg- Vorpommern. Hermann-Josef Tenhagen
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen