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KOMMENTARAm Anfang

■ Studentenbewegung 1988

Die „neue“ Studentenbewegung ist weit gekommen und steht zugleich am Anfang: Weit gekommen in der öffentlichen und politischen Akzeptanz; am Anfang bei der Entwicklung ihrer Ziele. Politiker und Unipräsidenten versuchen die Studenten durch Umarmung auf Distanz zu halten; zusätzliche Haushaltsmittel werden angeboten, als ob es sich um Nothilfe in einem Katastrophengebiet handle. Vor allem die Verbände und Parteien wachen jetzt auf und versuchen die „neue“ Studentenbewegung mit Forderungskatalogen hinter sich herzuziehen.

Diese mit Angst unterfütterte Sympathie, die den Studenten entgegengebracht wird, zeigt, wie anders die Bruchlinien 1988 sind. Die Studenten haben mit einem Ruck ihre bisherigen Vertretungen beiseitegeschoben, haben sich die Macht auf der Straße und die Verhandlungsmacht erobert. Aber sie sind gewissermaßen umstellt von ihren berechtigten Forderungen. Sie stoßen auf diese Sympathie aus Angst, weniger weil sie radikal sind, sondern weil sie aus einer radikalisierten Situation kommen: die Universität war und ist zum großen Teil ein Zwischenlager für das Arbeitslosenheer. Die durch die Kette von Hochschul –Gegenreformen entstandene Universität ist nichts anderes als eine Institution zum Verschleiß menschlicher Fähigkeiten, eine Produktionsstätte von Fachidioten fürs Arbeitsamt.

Daher haben die politischen Umarmer recht, wenn sie diese wirklich demokratische Studentenbewegung als Zeitbombe behandeln; daher haben die Studenten recht, wenn sie sich weigern, als neue soziale Bewegung für einen ausreichenden Mittelbau definiert zu werden. Sie haben recht, nicht allzu schnell mit ihren Forderungen in die Verhandlungen zu treten. Im Gegenteil: sie haben den Mut, von vorne anzufangen, an der Ausarbeitung einer kritischen selbstorganisierten Wissenschaft. Nach zwanzig Jahren gescheiterter Hochschulreform kann ein neuer Begriff von Freiheit der Lehre und Forschung von niemanden anders entwickelt werden als von den Studenten selbst, von denen also, die mit der bestehenden Universität gebrochen haben.

Klaus Hartung

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