KOMMENTAR: Marathonmäßig gut
■ 20.000 Läufer legen die Stadt lahm und alle freut's
Die Straßenblockaden am vergangenen Freitag waren ein wichtiger Anfang, aber noch kein Erfolg. Immerhin: Die Frage, ob für diese Stadt die Menschen wichtiger sind als die Autos, ist gestellt. Welch weiter Weg zurückzulegen ist, zeigten die zeitgleichen Aktionen in Hamburg. Die Straßen frei für Groß und Klein — ohne Stau, Gestank und Chaos, weil die Autofahrer freiwillig auf das öffentliche Nahverkehrsnetz umstiegen — das wünscht man sich noch für Berlin. Vernunft ist aber auch Ergebnis von politischen Rahmenbedingungen. Moralische Appelle helfen nicht, solange die stählerne Kampfmaschine das schnellste und bequemste Beförderungsmittel ist. Ein Abschied vom St.-Florians- Prinzip gehört dazu; Tempo 30 im privaten Wohnbereich und zu Raserpisten ausgebaute Verkehrsachsen gehen nicht zusammen.
20.000 Marathonis legten gestern ganz Berlin still, hunderttausende Nicht-Sportler praktizierten am Rande die ganz ungewohnte Disziplin eines neues Staßengefühls. Keiner klagte über Verlust an Lebensqualität, klaglos wurde auf die BVG umgestiegen. Rollstuhlfahrer, sonst angebliche Verkehrshindernisse, wurden als Weltrekordler umjubelt. Wenn der Weg zur lebensgerechten Straße so leicht ist, dann kann man nur für tägliche groß-olympische Sportereignisse sein: Sprinten und Springen wären Sportler- Taten und nicht mehr täglicher Pflichtmehrkampf im Verkehr; Rekorde gälten nicht mehr der Todesstatistik. Bei einem Verkehrssenator aber, der Tempo 30 abschaffen möchte, wird der Weg dorthin noch marathonmäßig lang werden. Gerd Nowakowski
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