Juvenile Transformationsmythen : Jugendwahn als Manipulationstechnologie
Jung ist nicht gleich besser: Wolf Lotter über den Jugendwahn und den Irrglauben, dass Alter und Erfahrung Hindernisse für Veränderung darstellen. Transformation gelingt durch konkrete Arbeit.
„Ah, I was so much older then/I’m younger than that now“
Bob Dylan, My Back Pages, 1964
taz FUTURZWEI | In Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung gibt es den schönen Satz, man möge „ins Gelingen verliebt sein“. Das ist ein Gassenhauer der positiven Psychologie (und ich mag ihn). Es bleiben aber Zweifel.
Hoffnung, das ist ja schön und gut – aber Erfahrung ist ein anderes Material. Sie ist solider und bis zu einem bestimmten Maß strapazierfähig. Wie bei jedem Stoff hat das aber auch seine Grenzen. Dann reißt der Geduldsfaden. Vielleicht sollte man doch weniger ins Gelingen verliebt sein, sondern ins Nüchterne, in den Realitätssinn.
Die Realität ist: Die Jugend sieht alt aus. Und nein, damit meine ich nicht deren mangelnde Protestkultur. In Sachen Petition sind die ja fit. Aber in Sachen Transformationsfähigkeit sehe ich schwarz. Da fällt der Apfel nicht weit vom Stamm. Die Jungen sind weit überwiegend so besitzstandsorientiert wie die Alten, in allen Lagern übrigens. Das schmälert ihr Interesse an Veränderung, nun ja, ziemlich.
Wer sich mit Transformation beruflich beschäftigt, hat dauernd was mit der Jugend am Laufen. Denn „die Jugend ist unsere Zukunft“, die „nächste Generation wird aus unseren Fehlern gelernt haben“ und „Lass doch mal die Jungen ran“ sind die Gassenhauer der Veränderung. Daran kommt niemand vorbei!
Transformation ist sozusagen eine Schlüsselqualifikation von Leuten bis 30, denen traut man das zu! Warum eigentlich?
Sehen wir uns das mal in Ruhe an. Vom Ton her orientieren wir uns weniger am freundlichen Herrn Bloch, sondern am realistischeren Herrn Brecht, der den Nachgeborenen ins Stammbuch schrieb: „Ach wir/Die wir den Boden bereiten wollten für die Freundlichkeit/Konnten selber nicht freundlich sein.“ (Bert Brecht: An die Nachgeborenen)
Damit sich das mal ändern kann, wird der Welpenschutz jetzt abgestellt, denn er hat die Welt nicht verbessert, im Gegenteil.
Das Eselsohr
Jung, das scheint das Lesezeichen für eine bessere Zukunft zu sein, aber es ist halt vielleicht doch nur ein Eselsohr. Es erinnert uns daran, dass Jungsein weder eine Tugend noch eine bestimmte Leistung ist, und deshalb ist Jungsein auch keine Voraussetzung dafür, dass man in Sachen Transformation mehr draufhat.
Transformation in Gesellschaft, Wirtschaft, Organisation und Politik ist erst einmal nicht jene pubertäre Abnabelungs-Haltung, die an und für sich völlig richtig und gut ist, aber eben nichts mit gelingender Transformation zu tun hat. Wer oft genug erlebt hat, wie Veränderung aus sturem Dagegensein verhindert, ja sogar ihr Gegenteil gestärkt wird, der verwechselt persönlich motivierten Protest – Kinder gegen Eltern zum Beispiel – nicht mit chancenreicher Verbesserung, die aus nüchterner Analyse des Ist- und Sollzustands besteht.
„Wer den Planeten retten will, um Vati zu ärgern, ist auf dem gleichen Holzweg, auf dem bereits die S-Klasse des Alten parkt. Solcher Protest ist nicht jung, sondern kindisch. Das wird oft verwechselt.“
Ein Beispiel: Wer den Planeten retten will, um Vati zu ärgern, ist auf dem gleichen Holzweg, auf dem bereits die S-Klasse des Alten parkt. Solcher Protest ist nicht jung, sondern kindisch. Das wird oft verwechselt. Transformation für Erwachsene ist sich dessen bewusst. Wer das Rechthaben über das Richtige stellt, ist unabhängig vom Lebensalter ein Depp.
Klar: Die Idee, dass die Jugend die Hoffnung ist, liegt angesichts der beschränkten Lebenszeit und der Trägheit der jeweils gegenwärtigen Generation nahe. Aber auch darin verbirgt sich ein gefährlicher Denkfehler, eine schlampige Analyse. Transformation ist keine Altersfrage, sondern eine der Verantwortung und des Bewusstseins.
Wenn der Jugendkult die Transformation vereinnahmt, dann ist das nichts anderes als die klare Botschaft an die Alten, alle Tätigkeiten diesbezüglich aufzugeben. Dann schieben die Alten den Jungen die Verantwortung für die Veränderung zu, die immer ein wenig Schmerz bereitet, bevor sie Freude macht. Und die Jungen machen es sich leicht, weil sie im Klischee, dass die Alten ohnehin nichts ändern wollen, ebenso gemütlich verharren können wie ihre vermeintlichen Kontrahenten. Ihr tut so, als ob es nur uns was angeht, und wir tun so, als ob wir dagegen protestieren.
Weil das dank Happening-Kultur und schnell zu erledigenden Online-Petitionen leicht machbar ist, wird davon auch reichlich Gebrauch gemacht. Aber: Das ist Attitude, kein Widerstand.
Wahrnehmung
Jetzt höre ich schon das Gequengel, was man denn sonst machen solle, sich vielleicht radikalisieren? Ja, selbstverständlich, was sonst, aber wenn schon, dann richtig. Also nicht Selfies machen in Talkshows und sich auf Straßen festkleben, sondern die harte Tour der Veränderung durchlaufen. Das ist harte Arbeit.
Die 68er haben einiges hinkriegt, das aber nicht. Sie sind durch die Institutionen gegangen und dort hängengeblieben, wodurch sie sich von ihren Altvorderen praktisch nur mehr durch mehr Heucheln unterschieden. Sie taten, was die Alten taten, erbten, ließen sich verbeamten, um es dem Staat mal so richtig zu zeigen, aber unkündbar, versteht sich, und redeten dabei über die Revolution, bis das Essen auf Rädern kam. Diese Leute und die dazugehörige nächste Generation sind heute in charge, wie man auf Neudeutsch sagt, sie reden viel und machen wenig oder gar nichts. Sie glauben, dass Wahrnehmung schon Politik ist, Arbeit. Aber das ist nicht wahr. Diese Leute sind nicht ins Gelingen verliebt, sondern nur ins Weitermachen, in leichte Anpassungstätigkeiten an das, was für normal gehalten wird.
„Man nennt sich progressiv, aber wichtiger ist die Festanstellung, der Urlaub, der Konsum.“
In Karl Marx’ Die Deutsche Ideologie steht der dazugehörige Satz, nach dem „die materielle Macht der Gesellschaft [...] zugleich ihre herrschende geistige Macht“ ist. Wer zahlt, schafft auch geistig an. Dabei spielt die vorgeschobene Haltung, die man trägt wie das Modestück der Saison, keine Rolle, denn bekanntlich bestimmt das Sein das Bewusstsein. Und Sein reimt sich nicht zufällig auf Schein.
Man nennt sich progressiv, aber wichtiger ist die Festanstellung, der Urlaub, der Konsum. Man macht sich und anderen was vor. Das passt zur Zeit. Die jungen Opportunisten haben von den alten Opportunisten gelernt, dass es nicht um konkrete Veränderung geht, sondern nur um eine professionelle Show.
Wer sich fragt, warum es so leicht ist, längst sichergestellt geglaubte Angelegenheiten wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Gleichstellung et cetera zu erledigen, sollte sich nicht die Frage stellen, wer die erklärten Gegner dieser Angelegenheiten waren und sind, sondern deren schwache, inkonsequente, ja: heuchlerische Freunde.
Lob des Lebenswerks
Wer Transformationsprozesse wirklich kennt, weiß, dass nirgendwo so wenig verändert wird, wie dort, wo ständig von Transformation die Rede ist.
Es ist eine Art Geisterbeschwörung, und genau so funktioniert auch die Idee, dass die Jungen für die Veränderung zuständig wären – während die Alten sich um nichts mehr scheren. Das widerspricht allerdings den banalsten Erfahrungen des Alltags, in dem Eltern sich mehr um die Zukunft ihrer Kinder sorgen als die selber. Das Interessante an dieser Feststellung ist, dass sie mit dem Mythos aufräumt, die Alten hätten kein Interesse an einer guten Zukunft. Das gilt nicht nur bei der eigenen Brut, sondern auch an dem, was man gemeinhin das Lebenswerk nennt.
Dieser Begriff ist von der aufmerksamkeitsgeilen Gegenwartskultur fast vollständig aus dem Verkehr gezogen worden, aber er ist bedeutend für jede Form der Transformation. Ein Lebenswerk wird im Alter relevant.
Wolf Lotter ist Autor und Journalist mit den Schwerpunkten Transformation und Innovation. Er ist Gründungsmitglied von PEN Berlin.
In der taz FUTURZWEI schreibt er regelmäßig die Kolumne Lotters Transformator. Im November erschien von ihm: Digital Erwachsen: Streitschrift für mehr natürliche Intelligenz. Haufe 2025, 220 Seiten, 22 Euro.
Es ist die schlichte Frage, was man getan hat und was gelassen. Die Leute, die mit ihrem Lebenswerk schlecht umgegangen sind, weil sie Streit und Widerstand aus dem Weg gegangen sind, zahlen im Alter die Rechnung.
Hat man alles richtig gemacht? Oder die richtigen Dinge getan? In einer Welt, die Veränderung und Innovation zum Besseren braucht, gibt es keinen größeren Gegensatz.
Das Lebenswerk ist das Denkmal der Person. Es ist die Inventur, die Abrechnung, die Endsumme. Und dabei entwickeln Alte eher mehr Ambitionen als die Jungen, die glauben, das alles habe noch sehr viel Zeit. Die Möglichkeit zur Unverbindlichkeit ist überhaupt einer der Gründe, weshalb die Gleichsetzung von jung und transformativ so falsch ist. Wenn man etwas verändern will, braucht man Ausdauer. Es ist Hochleistungssport von der Sorte, bei der niemand am Weg steht, um dich anzufeuern.
Die Dinge, bei denen man angefeuert wird, sind meist die Dinge, die sich nicht lohnen, Opportunismus, billiges Heimatgefühl, der ganze Gemeinschaftsquatsch mit dem Ziel, sich selbst nicht anstrengen zu müssen. Das erfährt man nur mit Ausdauer, in Niederlagen, durch Fehler, Enttäuschungen und Irrwege. Das dauert lange, so viel steht fest, macht aber den Blick klarer. Das ist mit Jung nicht zu machen.
Jugend als Konsum
Die Revolution frisst ihre Kinder, aber niemand sagt dazu, dass diese Kinder selbst alles dazutun, um gefressen zu werden.
Walter Benjamin schrieb in seinem Aufsatz Der destruktive Charakter angesichts des Jugendkults der Nazis und Stalinisten: „Der destruktive Charakter ist jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt. [...] der destruktive Charakter ist immer frisch bei der Arbeit. Die Natur ist es, die ihm das Tempo vorschreibt, indirekt wenigstens, denn er muss ihr zuvorkommen. Sonst wird sie selber die Zerstörung übernehmen.“
Das ist das Arbeitsprinzip: Meide das Alter, denn es bringt den Tod. Deshalb fressen die Jungen die Alten, und die Alten verheizen die Jungen, manipulieren sie, nutzen sie aus, überlassen ihnen die ganze ungeliebte Veränderungsarbeit.
Die Jakobiner der Französischen Revolution machten aus dem Ancien Régime – der alten Herrschaft – ein Prinzip des politischen Totschlags gegen die Alten. Alles musste abgeschafft werden. Maße, Gewichte, Kalender.
Es ging natürlich nicht nur um die alten Machthaber, die alten Unterdrücker. Das Totalitäre hat nur die Geschichte, die es sich selber macht. Alles muss raus, weg.
Ein Lebenswerk war ein Todesurteil. Louis Antoine de Saint-Just war der jugendliche Held, der die Guillotine tanzen ließ. Nazi und Bolschewiki waren Jugendbewegungen, und Maos millionenfache Morde in der sogenannten Kulturrevolution waren das Werk einer Jugendbewegung und eines Kinderkreuzzugs, dass das „neue China“ durch Mord und Totschlag durchsetzte.
Wozu? Um dem alten Diktator die Macht zu erhalten. Die Jungen wollen, was die Alten haben, Macht also, und deshalb tun sie auch, was die Alten wollen – um jeden Preis. Niemand kann sie davon abhalten. Bob Dylan war das – siehe oben – spätestens mit 24 Jahren aufgefallen. Die bedeutendste Ikone der Jugendbewegung warnte immer wieder vor dem Wahn, der hinter seiner Ikonisierung steckte.
Erfahrung machte jung, weil sie schlauer machte. Alt hingegen sahen aus seiner Perspektive die aus, die sich nicht scherten – sondern einfach nur Nachschlag verlangten. Das war die erste Generation, die in relativ großem Wohlstand aufgewachsen war.
„Die Jungen wollen also nicht nur die Macht der Alten, den gleichen materiellen Status, sondern noch eins drauf. Reihenhaus, Bargeld und Moral plus.“
Der Wachstumswahn der Industriegesellschaft – nur immer mehr ist gut genug – hatte die Gesellschaft und das Bewusstsein weichgekocht. Die Jungen wollen also nicht nur die Macht der Alten, den gleichen materiellen Status, sondern noch eins drauf. Reihenhaus, Bargeld und Moral plus. Und wo das Konzept immer noch keinen Sinn stiftete, wurde aus Sinnsuche Sinnhuberei. So kam es, dass die Konsumgesellschaft den zu allen Zeiten grassierenden Jugendwahn zum Normalfall machte.
So wie man Produkte und Dienstleistungen konsumiert, kann man auch Selbstbilder, zugeschriebene Eigenschaften, Moden, Werte, Moral konsumieren.
Letzteres ist nahezu der Inbegriff des Jugendwahns. Alle sind Schönheitschirurgen geworden, jeder macht Lifting. Die Wirklichkeit wirft Falten, das darf nicht sein. Der Jugendwahn besteht darin, dass sich alles an der Unverbindlichkeit der Jungen messen lassen muss. Wissensarbeit etwa misst sich nicht nur an Schul- und Ausbildung.
Sie wird durch Know-how, also persönliche Erfahrung, gebildet, und im englischen Original heißt sie deshalb Knowledge Society. Eigentlich müsste das heißen, dass Erfahrung in Berufen, wo es um Beratung und Know-how geht, die entscheidende Größe ist. Das Gegenteil ist der Fall.
Auf LinkedIn, aber nicht nur dort, wagen erfahrene Spezialistinnen erst gar nicht Fotos von sich zu verwenden, auf denen sie nach aktuellem Stand wiedererkennbar wären. Erst Photoshop, dann KI machen aus weisen Menschen im Alter von 50plus Selfie-Zombies von 20, 25, nicht nur äußerlich. Zum Weichzeichner kommt die innere Infantilisierung.
Altersdiskriminierung ist nicht nur deshalb ein Problem, weil sie Alte schlechter dastehen lässt. Sie lässt auch das Wissen, mit dem wir etwas verändern könnten, schlechter dastehen. Der Jugendwahn diskreditiert den Verstand, das Wissen an sich. Der Jugendwahn ist eine Manipulationstechnologie, bei der die Leute sich selbst dümmer machen müssen, als sie sind, um überleben zu können.
Die Sache erinnert ein wenig an den Plot des Romans Logan’s Run von George Clayton Johnson und William F. Nolan, der im Jahr 1976 als Flucht ins 23. Jahrhundert verfilmt wurde. Die Geschichte spielt in einer allumfassend fürsorglichen Konsumgesellschaft, in der niemand mehr arbeiten muss, für alles wird gesorgt. Gut, man lebt unter einer Kuppel in einer künstlichen Welt, weil die natürliche Umwelt längst zerstört wurde und niemand mehr draußen überleben kann.
Drinnen aber ist „The perfect world of total pleasure“, die geilste aller Konsumgesellschaften. Eine endlose Party. Und alle sehen so gut aus, jung und fit. Kein alter Sack, nirgends. Das liegt daran, dass Menschen vor dem Erreichen des 30. Lebensjahrs in einem kurzen, aber unvermeidlichen Ritual umgelegt werden. Kein Rentenproblem trübt das Leben. Pflegeversicherung?
Kein Thema. Der optimierte Juvenil-Faschismus hat zahlreiche reale Vorlagen. Wenn es nicht die Hinrichtung von Staats wegen beim Erreichen einer Altersgrenze ist – wie bei Logan’s Run –, dann helfen auch der lockere Umgang mit Pandemien oder der soziale Tod durch das Kündigen von Leuten jenseits der 45.
Innovation durch Alte?
Es gibt den Hinweis des Historikers David Landes, dass die großen Veränderungen, Transformationen der Geschichte durch Alte, nicht Junge, angestoßen wurden. Nehmen wir mal die Brille. Die entstand für meist ältere Leute von Ende 30 aufwärts, deren Sehkraft schwächer wurde. Ein blöder Zeitpunkt, denn wer älter war, wusste mehr, hatte das, was er konnte, gut erprobt und in der Regel vorangebracht. Wer Ende 30 oder noch älter war, aber nicht gut sehen konnte, wurde von der natürlichen Entwicklung von seinen Denkergebnissen abgeschnitten, jedenfalls zu einem erheblichen Teil.
Wer schlecht sieht, kann weder gut lesen noch schreiben, Feinmechanik fällt schwer. Ausgerechnet dann, wenn man es kann, geht es nicht mehr. Das ist nicht gut für die Transformation, das Neue, das Bessere. Die Brille behebt diese Fehlsichtigkeit ab dem 14. Jahrhundert, und deshalb gilt sie als mindestens ebenso wichtig für die Entwicklung der Neuzeit und der Aufklärung wie der Buchdruck. Das ist eine solide Argumentation, keine Politik der Gefühle.
Für die Agrargesellschaft und die längste Zeit der Industriegesellschaft war es in der Tat wichtig, jung zu sein – weil der Körper leistungsfähig und ausdauernd ist. Spitzensport ist ein Artefakt dieser Zeit.
„Es ist die Kultur, die uns austrickst, weil die Kultur sich bei Weitem nicht so schnell ändert wie die Realitäten rund um uns herum.“
Junge laufen länger und schneller als Alte. Und Junge können auch ausdauernder auf dem Feld arbeiten, in der Fabrik. Doch was heißt das in einer Gesellschaft, die vollautomatisiert ihre Produkte herstellt, in der KI die Routinearbeit in den Büros und Verwaltungen übernimmt? Es ist eine der ältesten Lehren und Einsichten aller Transformationen: Es ist die Kultur, die uns austrickst, weil die Kultur sich bei Weitem nicht so schnell ändert wie die Realitäten rund um uns herum.
Der Jugendwahn, auch nur die Vorstellung, jung wäre innovativer, er hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, er ist das Produkt einer falschen Erinnerung. Die Welt von Gestern. Jung sieht alt aus. Der Sozialwissenschaftler Michael Astor hat vor fast 25 Jahren in seinem Aufsatz Innovation – eine Domäne der Jugend die These von der transformationsfreudigen Jugend aufgegriffen. Lässt sich das tatsächlich auch beweisen? Gibt es eine robuste Begründung dafür, dass wir den Jungen in Sachen Veränderung mehr zutrauen? Astors Antworten sind bemerkenswert, auch weil sie darauf hinweisen, wie sehr das Bild von den innovationsfähigen Jungen an einer Vergangenheit klebt, die längst vorbei ist.
Astor stellt fest, dass die Jungen zwar stärker experimentieren müssten, also Lernen und Versuch und Irrtum die Wissensbildung dominieren, während Alte aber durch Erfahrung und Know-how mehr konkrete Ergebnisse und Problemlösungen bieten. Wenn es um handfeste Probleme geht, sind die Alten nützlicher und zweckmäßiger als die Jungen. In einer Wissensgesellschaft ist das noch bedeutsamer, weil „das qualifikatorische Potenzial jedes Beteiligten [...] mit der Zahl der durchgeführten Projekte steigt“, schreibt Astor.
Übung macht den Meister, aber Erfahrung lässt ihn auch im Amt. Im Grunde wäre das natürlich eine gute Nachricht in einem Land, in dem im Jahr 2050 hundert Menschen im Erwerbsalter bis 59 Jahren 71 über 60-Jährigen gegenüberstehen.
Zu ähnlichen Ergebnissen wie Astor kommen zwei aktuelle Studien aus Australien (University of Western Australia) und Polen (Uni Warschau). Der Höhepunkt der geistigen Leistungsfähigkeit liegt bei Menschen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr, und auch noch Jahre drüber ist die Performance im Oberstübchen deutlich höher als bei den Jungen.
Die sind, keine Frage, gut im Auswendiglernen, in allen Anpassungsleistungen also, aber wenn es um Widersprüche, Paradoxien und Kontextkompetenz geht, praktisches Denken also, dann sind die Alten deutlich überlegen.
„Alte Knacker, und damit ist nicht nur Friedrich Merz gemeint, brauchen den Jugendwahn dringend. Er ist ein Herrschaftsmodell geworden, mit dem Abhängigkeit erhalten und Selbstbestimmung verhindert wird.“
Was sagt das also über die Politik aus, wenn dennoch Fleiß, also physische Leistungsfähigkeit, statt Können (Wissen) betont wird, worin sich SPD und CDU ja einig sind? Es sagt, dass es kein Interesse an einem Regimewechsel von der alten Welt zur neuen gibt. Alte Knacker, und damit ist nicht nur Friedrich Merz gemeint, brauchen den Jugendwahn dringend. Er ist ein Herrschaftsmodell geworden, mit dem Abhängigkeit erhalten und Selbstbestimmung verhindert wird, die es nur durch Einsatz des eigenen Verstandes gibt.
Rechenfehler
Was dem Status quo hilft, ist, wie so oft, Rechenschwäche. Das Reden davon, dass die Jungen viel weniger haben als die Alten. Dem wird kaum widersprochen. Weil es ins alte Bild passt. Tatsächlich ist das Bruttoinlandsprodukt von 1990 von 1,589 Milliarden Euro auf 4,447 Milliarden Euro im Jahr 2025 gestiegen, also das Dreifache, die Zahl der Studienanfänger erreicht bald 60 Prozent eines Jahrgangs. Das alles kostet irre viel Geld, durch späteren Einstieg ins Berufsleben. Volkswirtschaftlich ist das alles andere als eine „arme Jugend“, es ist die teuerste, die wir je hatten. Das wäre auch okay, wenn dabei tatsächlich Wissen entstehen würde, das jenseits des Auswendiglernens Probleme dieser Welt lösen könnte. Wir bräuchten dringend Leute, die mit viel Verstand und Können die digitale Souveränität Europas sicherstellen würden. Und klar gibt’s welche, aber die meisten, die sehr gut sind, sind längst gegangen, weil immer dort, wo es ernst wird mit der Transformation und der Selbstbestimmung, immer die gewinnen, die besser moderieren und verwalten können.
Oder die Mobilität: Es genügt nicht, gegen Verbrenner zu sein, wenn man nicht in der Lage ist, bessere E-Autos zu bauen. Die Jungen leben ebenso von der Substanz wie die meisten Alten, die sich ständig auf ein Land der Dichter und Denker berufen, dass längst nicht mehr existiert. Arbeitsverweigerung an der Transformation, so weit das Auge reicht.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in einer Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung das jährliche Erbvolumen in Deutschland für das Jahr 2027 auf 400 Milliarden Euro geschätzt. Die heute über 70-Jährigen überlassen den Jungen sagenhafte 1,68 Billionen Euro, die eine solide Basis für die Nichttransformation bilden.
Wenn Technologie zur Religion wird
Willkommen in der KI-rche
Zwischen Machtpolitik und Heldenreise
„Wow, wie naiv war das denn?“
Maja Göpel über Wege aus dem Wahnsinn
Gegen die Shitshow
Ins Gelingen können also all jene verliebt sein, die es sich leisten können. Die was abkriegen von den ehemaligen Erfolgen, um sich noch ein Stück weit der Transformationsarbeit zu entziehen. Das ist der wahre Generationenkonflikt, der zwischen denen drinnen im System und denen draußen. Der Rest wird weder Reihenhäuser noch Vermögen erben, und für das Moralisieren statt des Veränderns keine Zeit mehr haben. Der Rest wird nicht freundlich sein können. Dafür ist keine Zeit.
Und wem das klar ist und wer daraus Konsequenzen zieht, sieht nicht mehr alt aus.
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der taz FUTURZWEI N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“. Jetzt bestellen im taz Shop.