Junge Akteure: Leerlauf im Tohuwabohu

Das Bremer Theater überlässt seiner Theaterschule die Spielplanposition zu Rechtsextremismus: In vier langen Stunden deckt die Produktion „Larger than life“ die Ursachen rechter Gewalt eher zu als auf

Junge moderne Nazis beim Saufen: Wirtshaus-Szene aus dem Stück "Larger than life" Bild: Jörg Landsberg

BREMEN taz | Schon zur dritten Aufführung erscheint die Polizei. „Nazis sollen hier Propagandamaterial verteilen, so haben uns Anwohner gemeldet“, erklärt ein Polizist den Einsatz. Und richtig: Mädchen im BDM-Design marschieren am Sebaldsbrücker Bahnhof auf, mit Bierflaschen im Anschlag lungern andere Jugendliche aggressiv herum, düster dröhnt pseudofaschistische DAF-Musik.

Verteilt werden Programmzettel für die Dokufiction „Larger than life“ der Jungen Akteure des Theaters Bremen. Das Stück findet nicht im Theater statt, sondern an verschiedenen Orten in Bremen-Sebaldsbrück. Dabei wird ganz bewusst nie „larger than life“ agiert: Es gelingt – wie die Präsenz echter Polizei beweist – die Illusion, das Spiel fugenlos in unser aller Realität zu implantieren.

„Antihuman Antichrist“ steht auf der Lederjacke des Regisseurs Mirko Borscht. Und total anti-korrekt spektakelt der Abend dahin. Der NS-Völkermord wird mal geleugnet, mal gefeiert: Am lodernden Party-Grill prangt der Schriftzug „Happy Holocaust“. Auch wird das Hakenkreuz ausgestellt, „Juden raus aus Deutschland“ gebrüllt, Adolf Hitler besungen und der nach ihm benannte Gruß entboten. Bestenfalls geschmacklos? Jedenfalls ist es die Spielplanposition des Bremer Theaters zum NSU-Terror.

Vom Eingangsszenario am Bahnhof geht das Publikum zur Hemelinger Probebühne. In allen Räumen und auf den Freiflächen werden schlaglichtartig Erinnerungen eines Rechtsradikalen lebendig – inspiriert von der Biografie des Neonaziterroristen Odfried Hepp. Hier heißt er Herbert Schlageter, was wiederum an Albert Leo Schlageter erinnern soll. Der sprengte in den 1920er-Jahren Eisenbahnstrecken im Ruhrgebiet, um den Abtransport von Kohle durch die Besatzer zu verhindern.

In der Aufführung ist er der dreifache Schlageter: Als Kind (Hannah Aulepp) verschlägt ihn die Liebe zum Nazivater in rechte Jugendbünde, als Jungmann (Nicolai Gonther) ist er ein Wehrsportgruppengründer, der sich in einem PLO-Camp ausbilden lässt, schließlich als BND-Mann (Michael Janssen) endet und als Moderator durchs Stationendrama seines Lebens führt.

„Ausländerschlampe“ werden nicht arisch aussehende Jugendliche beschimpft sowie Pläne geschmiedet, wie die Abschiebung von „Kanackenfamilien“ zu befördern sei. Im Zentrum steht die Erlebnisgastronomie dumpfen Deutschtums: ein mit Hirschgeweihen und SS-Totenkopf-Plakat zum „Ratzinger Hof“ hergerichteter Wirtshaus-Saal.

In Gängen, Nischen, auf Emporen flimmern Fernsehbilder, zucken Stroboskoplichter, wabert Nebel, knattern Schusswaffen. Ein Narr rezitiert Literarisches. Fast vier sehr lange Stunden dauert diese Performance paralleler Aktionen. Zwischen Zeitebenen und Spielorten hin und her bummeln sollen die Besucher. Mit welchem Ziel?

Wie rechte Gewalt entsteht, in welchem sozialen Klima sie gedeiht – das deckt der Aktionismus eher zu als auf. Die schmale Grenze zwischen national und rechtsextrem bleibt im Dunkeln. Zusammenhänge zu verstehen, dem exemplarischen Psychogramm eines politisierten Gewalttäters zu folgen: alles kaum möglich. Man zappt so herum und erlebt viel Leerlauf im Tohuwabohu der theatralen Ereignisse. Zudem sind Szeneninhalte und Ausformulierungen in den improvisierten Dialogen arg klischeehaft.

Was allerdings zu Borschts Konzept gehört. Er will keine sozialpsychologischen Studien bebildern, sondern das jugendliche Publikum präventiv mit Wohlfühl- und Sinnangeboten der Neonazis konfrontieren. Man kann diesen Abend daher durchaus „falsch“ verstehen. Wie die Anwohner, die die Polizei alarmieren. Auch die Aufführung zeigt provokant naiv: Nazi sein ist anstrengend, schmerzhaft, aber cool, immer was los, Abenteuer ohne Ende, man kommt viel rum und nach dem offiziellen Ausstieg aus der Szene gibt’s immer gute Jobangebote.

Sie zeigt aber auch: Jugendliche könnten mit der gleichen Motivation auch in eine komplett andere politische Richtung aktiv werden – wie das Treiben im linksliberal-frauenbewegten WG-Zimmer der älteren Schlageter-Geschwister nahelegt.

Die drei Dutzend Laiendarsteller, 13 bis 78 Jahre alt, stürzen sich exzessiv, mit teilweise erschreckender Überzeugungskraft in ihre Rollen. Kommen am Ende aber alle irgendwie punkig-bockig drauf. Denn sie können so radikal, so viel „larger than life“ sein wie sie wollen, stets bleiben sie doch Marionetten im Spiel politischer und wirtschaftlicher Interessen. Meinen sie jedenfalls erkannt zu haben.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de