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Jona Rausch Begehren de luxeDer Wunsch, sich meines Körpers nicht zu schämen

Foto: Michèle Yves

Jahrelang weiß ich nicht, wie mein Körper nackt aussieht. Ich bin fünf, wache auf, ziehe den Pyjama aus und schlüpfe direkt in die Kleidung für den nächsten Tag. Ich bin zehn und merke nicht, wie sich meine Brüste verändern, bis mir ein Mitschüler zuflüstert: Wie wär’s mit’nem BH?

Ich bin dreizehn und trage im Sportunterricht einen Badeanzug, bis mich eine Mitschülerin darauf hinweist, wie mutig ich sei, dass ich meine Beine nicht rasiere.

Ich bin vierzehn und in unserer Wohnung gibt es keinen Ganzkörperspiegel.

Ich bin fünfzehn und trage ein Top, das etwas über meiner Hüfte endet. Ihre Blicke haften auf der Höhe meines nackten Bauchnabels, ich ziehe ihn ein, solange, bis mir schwindelig wird, die Luft geht mir aus. Ich bin siebzehn und sage zu meiner besten Freundin: Wenn du in kurzer Hose gehst, gehe ich auch. Wir machen es nie.

Mit jedem Jahr, dass ich älter werde, werden die Kleidungsschichten über meiner Haut dicker, mein Körper verändert sich und ich habe keine Ahnung wie. Die Umrisse in Secondhandkleidung verschwunden. Ich kenne meinen Bauch nicht, kenne die Oberschenkel nicht.

2024 sitze ich mit meinen Freundinnen oberkörperfrei am Cospudener See im Süden von Leipzig. Das machen wir nackt: Wir lösen Kreuzworträtsel, wir baden, spielen Volleyball und essen Erdbeeren. Ich schaue meine Arme an, meine schlecht gestochenen Tattoos, die sich mit dem Wasser vollsaugen. Es ist ein nackter Sommer. Meine Haut atmet.

Was ist passiert?

Meine heißen Tage finden im Osten statt. Hier, wo die Überbleibsel von FKK zum Glück noch ihre Früchte tragen, werden noch nackt die Füße im Sand vergraben. Die Engstirnigkeit meines Dorfes in Westdeutschland zwang mich in weite Kleidung. Bei meinen Freundinnen war es anders. Sie erzählen von Campingurlauben mit ihren Eltern, die den ganzen Tag nackt rumgerannt sind. Trotzdem fällt es ihnen schwer, ihren Bauch nicht einzuziehen, wenn sie neben mir sitzen.

Jona Rausch sucht in Leipzig ihren Platz.

2026. Auch jene Utopie scheint ihr Ende zu finden. Eine Freundin und ich fahren zum Cospudener See, wollen anbaden. Wir suchen uns eine Stelle am Wasser, aber als ich anfange, meine Unterhose von meinen Beinen zu streifen, schleicht sich ein unwohles Gefühl in meine Brust.

Anders als die letzten Jahre stelle ich fest, dass wir wirklich die einzig nackten Menschen sind. Sonst gibt es um uns herum: Bikinis, Badeanzüge, lange Haare, die sich wie ein Vorhang über die Gesichter schieben. Ich bemerke eingezogene Bäuche, glattrasierte Beine, weiße, bleiche Haut.

Dann die Realisation: Natürlich macht der Rechtsruck nicht vor unseren Körpern halt. Das Comeback der Tradwife und die ausgehungerten Körper, Skinnytok, wird langsam eine sichtbare Konsequenz auf den Straßen. Körper wie meine haben sich wieder zu schämen. Die Rückeroberung meines nackten Körpers, an dem nass gewordener Sand klebt, bleibt als eine zerfließende Erinnerung zurück. Meine Hände verdecken meine Brüste.

Da taucht zwischen den Gebüschen eine alte Frau auf, die ganz nackt ist

Ich will gerade meine Unterhose wieder hochziehen, da taucht zwischen den Gebüschen eine alte Frau auf, die ganz nackt ist, bis auf die Adiletten an ihren Füßen. Sie schaut in die Weite des Sees, dann geht sie langsam einen Schritt aufs Wasser zu.

Ich begehre meinen nackten Körper im Wasser, zwischen den Algen und der Angst, dass eines der Tiere in eine meiner Körperöffnungen treiben könnte. Es fällt nicht leicht, aber wir lassen unsere Kleidung liegen, bevor wir gemeinsam anbaden gehen.

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