Jona Rausch Begehren de luxe: Hashtag 2016! Die Nostalgie der Anderen
Es tut mir leid, euch das so sagen zu müssen, aber 2026 fängt tatsächlich genauso beschissen an, wie 2025 aufgehört hat. Die Weltlage macht mich taub, wenn ich in meinem 8-Quadratmeter-Zimmer Nachrichten lese und mich noch eingeengter fühle als ohnehin schon. Kein Wunder also, dass in Sozialen Medien gerade alle in der 2016 Nostalgie versinken: überall Bottle Flips, Hundefilter, Adidas Superstar und so! Hashtag: „Bring back 2016“
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass 2016 deshalb eher ein Trend für Millennials ist, weil wir GenZler da gerade mal elf bis vierzehn Jahre alt waren. Und, oh Boy, wer hatte in diesem Alter bitte eine gute Zeit? 2016 war ich dreizehn, trug einen schief geschnittenen Pony und schwarzgefärbte Haare. Den ganzen Tag spielte ich Nintendo DS und hatte meine erste Beziehung mit einem viel zu alten Typen. (Er war achtzehn!) 2016 wäre ich fast sitzengeblieben und dachte, ich wäre hetero. Ich wünschte, ich könnte auch in Nostalgie schwelgen, aber 2016 ist kein Jahr, dem ich hinterhertrauere, denn mit dreizehn habe ich leider keine musical.ys zu „Faded“ von Alan Walker gelipsynct oder Bilder mit Hundefilter gemacht, sondern lag einsam in meinem Zimmer und habe sehr, sehr viel geweint.
Aber hey, ich lebe immer noch: eine Pandemie, den 7. Oktober, ’n paar Angriffskriege, einen radikalen Rechtsruck, Abbau des Sozialstaats und die zweite Amtszeit von Trump später! Da fragt man sich: Wie geht es uns, privat persönlich, im Jahr 2026 eigentlich?
2026 markiert mein viertes Jahr in Leipzig. 2026 habe ich mindestens 600-mal in der Mensa gegessen, was man hier auch einfach tun kann, denn Uni Leipzig hat eine der Top-10-Mensen in Deutschland. 2026 ist das Jahr, in dem ich meinen Bachelorabschluss machen werde. Damit bin ich wohl „Aufsteigerin“, was auch immer das heißen soll. Denn wohin aufgestiegen, wenn ich im selben Jahr eine Ausbildung anfange und sich nichts an dem Verhältnis meiner Lohnabhängigkeit geändert hat?
2026 ist das Jahr, in dem ich mehr Geld auf meiner Mensakarte als auf meinem Konto habe und ich mir Gedanken darüber machen muss, welche Quarterlife Crisis meine sein wird. (Ein Rennrad habe ich schon.) 2026 wird das Jahr, in dem ich meine lebenslange Rauchfreiheit vorbereiten muss, um die Kippen mit 25 dann wirklich zu quitten. Und 2026 ist auch das Jahr, jetzt wird es wieder ernst, in dem ich längere Zeit meines Lebens krank als gesund bin, denn die Depression von damals schreibt sich immer noch in den Körper ein.
Jona Rausch sucht in Leipzig ihren Platz
Ja, das ist nicht so der Aufbau-Hoffnungsmach-Text, den man im Winter bei Vitamin-D-Mangel braucht. Und ehrlich gesagt: Dass meine Mensakarte hier als eines der wenigen positiven Dinge auftaucht, ist auch symbolhaft für das, was viele andere gerade fühlen. Das soll gar nicht so zynisch klingen. Aber wenn ich mir Jahresrückblicke aus 2025 anschaue und dort das „Highlight“ ist, dass eine neue Tierart entdeckt und nicht etwa, dass das bedingungsloses Grundeinkommen für alle eingeführt wurde, dann ist das in etwa so, wie wenn ich sage: „Goldbrauner Brokkoli Bratling in feinem Gemüsegulasch“ ist das Highlight meines Tages.
Und ich sag ehrlich, ich wünsche mir auch, dass ich mich eher über Abrüstung und die Beendigung sämtlicher Genozide freuen könnte, als über einen trockenen Gemüsebratling für 2,80. Ich hoffe, dass wir 2036 die Traurigkeit von 2026 hinter uns gelassen haben und es wieder eine 2016 Nostalgie gibt, weil 2026 nur noch eine verblasste, schlechte Erinnerungen ist – falls ihr checkt.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen