Jörn Kabisch Der Wirt: In der Hitze des Kuhkaffs
Und ich habe gedacht, ich würde dort ein Gasthaus führen, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Aber zu glauben, hier wäre posemuckelig nichts los, wäre ein großer Irrtum. Es ist wie so oft eine Frage des Zeitfensters.
Beispielsweise jetzt: Der Ort liegt da wie tot, während ich diese Kolumne schreibe. Es ist früher Nachmittag, die Sonne hat das Thermometer wieder über 30 Grad aufgeheizt, die Luft flimmert über dem Asphalt und das einzige, was sich darauf bewegt, ist ein einsamer orangener Flipflop, der vom Wind durch die vertrockneten Lindenblüten getrieben wird. Das letzte Auto ist gefühlt vor zwei Stunden unter dem Fenster vorbeigefahren. „Sie haben es aber ruhig hier“, werden die nächsten Gäste bestimmt bei der Ankunft sagen.
Tatsächlich ist Castell eine Schlafstadt, die meisten verlassen den Ort morgens, um zur Arbeit zu fahren oder zur Schule, nur für die Kita muss man nicht weg. Tagsüber braucht, wer zum Arzt oder Einkaufen gehen will, auch einen irgendwie fahrbaren Untersatz, Praxen und Läden liegen allesamt in Nachbarorten.
Doch meistens tut sich genau dann etwas, wenn man es nicht erwartet. Da sind die Freitagsbauern: Viele Landwirte sind wochentags Angestellte und kümmern sich an den Wochenenden um ihre Felder, gewöhnlich ab Mittag, aber wenn wieder so ein Hitzedom über dem Land liegt, wird der Traktor erst abends angelassen. Genauso wie die Rasenmäher.
Vor allem in tropischen Nächten ist bei uns richtig was los. Jene Gäste, denen nachmittags die Ruhe auffiel, berichten beim Frühstück vom auffällig geschäftigen Treiben und dass an Schlaf nicht zu denken war, nicht nur wegen der Hitze. Seit der Pandemie geht bei uns sehr früh die Straßenbeleuchtung aus. Das Restlicht der Landmaschinen, die noch auf den Feldern ihre Bahnen ziehen, erhellt dann ein wenig den Ort. Die Menschen, die weit nach Mitternacht von der WM-Übertragung im Sportheim nach Hause laufen, sind dafür lautstark dankbar. Nur der Hundehalter von schräg gegenüber, der eine halbe Stunde später seinen zwei Labradoren noch Auslauf in der inzwischen milderen Luft gönnt, geht kein Risiko ein. Er hat sommers wie winters sein eigenes Licht dabei, eine Stirnlampe mit der Reichweite eines Flutlichtes. „Es war auf einmal taghell im Zimmer“, erzählen die Gäste. Kurz vor der Dämmerung dann fahren schon wieder die ersten Trecker durch den Ort.
Jörn Kabisch hat einen Gasthof in Franken gepachtet. Über seine Erfahrungen schreibt er alle vier Wochen an dieser Stelle.
Wegen der Hitze kehrt bei uns vormittags ab halb zehn wieder Ruhe ein. Alle haben schnell gefrühstückt und früh ausgecheckt – hinein in ihre klimatisierten Autos. Die Luft flimmert und höchstens ein einsamer Flipflop bewegt sich noch auf der Straße.
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