Japanische Star-Schwimmerin: „Ich wollte sterben“

Nach einer überstandenen Leukämie-Erkrankung ist Schwimmerin Rikako Ikee, 19, ziemlich froh über die Verschiebung der Olympischen Spiele von Tokio.

Eine junge Frau hält eine Medaille und grinst.

Begnadete Beckenschwimmerin: Rikako Ikee gewinnt Gold bei den Asian Games 2018 Foto: reuters

TOKIO taz | „Ich fühle mich ausgezeichnet und bin glücklicher, als ich es mit Worten ausdrücken könnte!“, ließ die junge Frau über Instagram wissen. „Der Arzt hat mir endlich die Erlaubnis gegeben, ins Becken zu steigen. Es müssten 406 Tage vergangen sein!“ Dazu zeigte sie ein Foto von sich im Pool: weiße Badekappe, rosablauer Badeanzug, Victoryzeichen und ein breites Lächeln. Rikako Ikee, 19 Jahre, sah auf dem Bild so fröhlich aus wie ein Teenager, der sich in Zeiten des Coronavirus heimlich nach draußen geschlichen hat.

Doch weit gefehlt. In derselben Nachricht verlautbarte Ikee: „Ich hoffe, dass alle Menschen, mich eingeschlossen, alles tun werden, um weitere Infektionen zu vermeiden, damit dieses Problem möglichst schnell gelöst wird.“ So wirkte ihre zur Schau gestellte Zufriedenheit über die eigene Gesundheit auch weniger ignorant oder taktlos. Alle möglichen japanischen Medien nahmen die Botschaft mit großem Interesse auf. Asahi Shimbun, Japans zweitgrößte Tageszeitung, kommentierte: „Rikako Ikee ist zurück in ihrem Element.“

Dieser Tage ist die Schwimmerin eine der wenigen Personen des öffentlichen Lebens in Japan, die für gute Nachrichten sorgen. Kurz bevor Premierminister Shinzo Abe am 7. April für die größten Metropolen des Landes den Ausnahmezustand ausrief, war Ken Shimura, der beliebteste Komiker Japans, an Covid-19 gestorben. Seit Wochen sind alle möglichen Sportveranstaltungen ausgesetzt. Die Zahl der bekannten Infektionsfälle steigt in Japan seit Ende März besonders schnell. Freudige Botschaften verkündet derzeit kaum jemand.

Olympiadebüt in Rio de Janeiro

Schließlich kann auch die Vorfreude auf die Olympischen Spiele, in der tatsächlich viele Japaner noch lange Zeit lebten, zunächst nicht gestillt werden. Doch gerade die Verschiebung von „Tokyo 2020“ auf den Sommer 2021 könnte auch etwas Gutes haben, zumindest für Rikako Ikee: Die Schwimmerin könnte nun, nachdem sie eigentlich schon abgeschrieben war, doch noch die Qualifikation für die Spiele schaffen.

2018 bei den Asian Games stellte sie mit sechs Goldmedaillen einen Rekord auf

Eigentlich sollte sie ohnehin zum Star der Spiele werden. Als Ikee 2016 in Rio ihr ­Olympiadebüt gab, war sie erst 16 Jahre alt, aber bereits Landesrekordhalterin über 100 Meter Schmetterling sowie Juniorenweltmeisterin über 50 und 100 Meter. Als sie 2018 bei den Asian Games in Jakarta mit sechs Goldmedaillen einen Rekord aufstellte, kannte plötzlich ganz Japan sie. Japans Nachrichtenagentur pro­gnos­ti­zierte schon: „Ikee wird wohl eines der Gesichter der Spiele werden.“ Gemeint waren die Spiele in Tokio, die ja eigentlich am 24. Juli dieses Jahres beginnen sollten.

Harter Überlebenskampf

Nur wurde dieser Termin für die Medaillenhoffnung unmöglich. In einem Trainingslager in Australien im Februar 2019 fühlte sich Ikee nach ­einer Trainingseinheit seltsam schlapp. Sie reiste frühzeitig ab, um sich daheim untersuchen zu lassen. Kurz darauf trat sie erschüttert an die Öffentlichkeit: „Ich kann es nicht glauben, ich bin durcheinander. Aber mit einer Behandlung kann diese Krankheit geheilt werden.“ Ihre Diagnose: ­Leukämie. Der Traum von Olympia in ihrer Heimatstadt war ganz klein geworden. Von nun an stand der Wunsch, zu überleben, im Vordergrund.

Als die Therapie begann, ging die junge Frau, die eigentlich für ihr Lächeln bekannt war, durch die Hölle. Während auf ihrer Website über 1,3 Millionen Unterstützungsbekundungen eintrafen, zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Ein Jahr nach ihrer Diagnose, im Februar dieses Jahres, gab Ikee wieder ein Interview. „Ich konnte keine Geräusche ertragen, hatte keinen Appetit und konnte den Fernseher nicht ausstehen“, erklärte sie dem Fernsehsender TV Asahi. „Ich wollte sterben.“ Hätte man ihr nicht versichert, dass sie die Therapie überstehen könnte, hätte sie den nötigen Mut wohl nicht aufgebracht.

Kurze Zeit später aber sah die Welt wieder ganz anders aus. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus im Dezember absolvierte Ikee Ende Fe­bru­ar ihre erste Trainingseinheit. Sie schlüpft in eine Vorbildrolle, ruft zu Blutspenden und zum Abstandhalten auf. Nun, da Rikako Ikee sich berufen fühlt, auf gesellschaftliche Probleme hinzuweisen, stellt sich die Frage: Könnte sie jetzt doch bei Olympia starten, in Japan für Japan? Die Athletin selbst will sich dazu noch nicht äußern. Ihr offizielles Ziel ist die Qualifikation für die Spiele von Paris 2024. Vielleicht geht es aber auch schneller.

Einmal zahlen
.

wir pausieren vorübergehend die Kommentarfunktion: Wir freuen uns darauf, bald wieder von Euch zu hören.

-

Bis dahin wünschen wir Euch eine gute Zeit!
Eure taz