Istanbuler Szeneviertel im Umbruch: Wie Phoenix aus der Asche

Gentrifizierung und Terrorangst erschweren Menschen in Beyoğlu Leben und Arbeit. Trotz schwerer Zeiten glauben sie fest: Ihr Viertel überdauert die Krise.

Ein Mann steht an einer Wand und spielt Kemence.

„Der Kosmopolitismus hier wurde zerstört.“ Foto: Vedat Arık

Nicht umsonst wird der Stadtteil Beyoğlu „das Herz von Istanbul“ genannt. Es war im 19. Jahrhundert Zentrum der ersten Verwestlichungsinitiativen der Osmanen. Im Laufe der Zeit machte Beyoğlu sich einen Namen als Zentrum von Kultur, Kunst und Amüsement im historischen Stadtkern. Zwar stand es immer wieder mal in Verruf eines heruntergekommenen, nicht ganz geheuren Orts illegaler Geschäfte, doch es gelang ihm stets, sich zu regenerieren.

Als sich zu Beginn der 2000er Jahre immer mehr Restaurants, Cafés, Bars und Kulturzentren dort ansiedelten, strömten Menschen jeder Herkunft nach Beyoğlu. Vor fünf Jahren waren an den Wochenenden auf der Istiklal-Straße bis zu 3 Millionen Menschen unterwegs.

Das alte Beyoğlu verschwindet nicht so rasch

Inzwischen bekommt auch das Istanbuler Szeneviertel Beyoğlu den starken Rückgang des Tourismus zu spüren. Nach Angaben des Amts für Kultur und Tourismus nahm die Anzahl ausländischer Tourist*innen in der Stadt 2016 um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab. Auch die Zahl der deutschen Besucher*innen ist deutlich gesunken. Während im Jahr 2015 noch 1,3 Millionen deutsche Tourist*innen Istanbul besuchten, waren es im Folgejahr bereits 300.000 weniger. Insgesamt ist die Zahl ausländischer Tourist*innen 2016 um mehr als 30 Prozent gesunken.

Doch geht es bei der Trostlosigkeit, die sich in Beyoğlu breitmacht, nur um Sicherheitsfragen? Warum wandern nach der Schließung 100 Jahre alter Geschäfte, Buchläden und Kinos in der Istiklal-Straße nun sogar globale Markenketten ab? Wo ist die fröhliche Menge junger Leute hin, die bis vor ein paar Jahren sorglos durch die Gassen flanierte?

Warum gehen die Rolläden in den Geschäften runter?

2016 erschütterte eine Reihe von Attentaten Istanbul, zuletzt im Nachtclub Reina. Anschließend blieben nach den europäischen auch arabische und iranische Tourist*innen fern. Nicht nur Besucher*innen, auch Istanbuler*innen scheuen mittlerweile Orte mit Massenandrang.

Murat Çetin, Dolmuş-Fahrer auf der Linie Taksim-Bakırköy und Mitglied des Istanbuler Taxifahrer- und Chauffeur-Vereins, fasst den Wandel in Worte:

„Explodierende Sprengsätze, wirtschaftliche Probleme, Betriebsschließungen, kein Wunder, dass die Leute wegbleiben. Unser Umsatz ist um 70 Prozent eingebrochen. Seit den Anschlägen am Flugplatz und am Taksim und dem Putsch vom 15. Juli 2016 ist das Geschäft schwieriger geworden. Taksim-Beyoğlu war ein Viertel, wo unbesorgt Schüler*innen herumlaufen konnten. Jetzt fürchten die Menschen um ihr Leben. Stadtentwicklungsprojekte bringen da nicht viel. Taschendiebstähle und Raubüberfälle nehmen zu.“

Gözde Altan, Mitinhaberin der Boutique Clandestino, die auch in Berlin eine Filiale betreibt, hat miterlebt, wie stark sich Beyoğlu in den vergangenen fünf Jahren verändert hat: „Wir hatten viele Angestellte und kaum Zeit für Pausen. Seit die Geschäfte eingebrochen sind, haben wir nur noch einen Angestellten. Vor den Anschlägen kamen 80 Prozent unserer Kunden aus Europa, heute sind es nur noch 10-15 Prozent. Für arabische Tourist*innen ist unser Stil nicht attraktiv. Unser Umsatz hat sich um mindestens die Hälfte reduziert. Die Mietpreise in Beyoğlu waren schon früher sehr hoch, aber bei der aktuellen Lage können sich nicht einmal mehr große Labels halten, da die Eigentümer der Immobilen an den Mietpreisen festhalten.“

Foto: Vedat Arık

Inhaber Hikmet Ünal (Foto oben) ist mit seinem Fischladen „Balık Adam“ seit 51 Jahren in der Fischpassage ansässig und damit einer der ältesten Betriebe dort. Er will sein Geschäft samt Inventar verkaufen: „Die Leute können nicht mehr. Vor allem seit dem Anschlag. Wir können unsere Kosten nicht mehr decken. Arabische Touristen interessieren sich nur für Klamotten. Bei uns kauften Griechen und Juden ein, aber die kommen nicht mehr.“

Beyoğlu zurück in der Spelunken-Kultur der 80er Jahre

Der Rückgang von Kunst und Kultur beschleunigte den Wandel. Maler Memet Güreli ist seit 30 Jahren Inhaber von Ada Sanat in der Aznavur-Passage, das er sowohl als Atelier nutzt wie auch für Klassen zur Vorbereitung auf die Akademie-Prüfung. Er sagt, in Istanbul werden große Kunstaktionen auf später verschoben, was sich negativ auf die Galerien auswirke: „Es war eh ein mehr schlecht als recht laufender Kunstmarkt, naja, unsere Demokratie läuft ja auch mehr schlecht als recht.“ In den 1980er Jahren herrschte in Beyoğlu eine Spelunken-Kultur vor (gemeint sind zwielichtige Gaststätten und Geschäfte, Anm.d.Red). Das habe sich erst mit der Ansiedlung zahlreicher Künstler*innen allmählich geändert, erzählt Güreli und verweist auf die radikale Gentrifizierung in den 2000er Jahren.

„Wir haben miterlebt, wie Immobilen von hochwertiger Architektur rasant die Besitzer wechselten. In den letzten zwei bis drei Jahren sind Aparthotels aus dem Boden geschossen. Die Wirtschaft läuft hier über den Tourismus. Dann kam der Zusammenbruch. Bei uns in der Passage können sich Nachhilfe-, Musik- und Sprachschulen nicht länger halten. Viele meiner Maler-Freunde klagen einerseits über die Preise und andererseits über den Wandel. Jetzt erleben wir die Rückkehr der Spelunken-Kultur nach Beyoğlu.“

Üstüngel Inanç, Medien- und Marketingkoordinator bei Arter aus der Vehbi-Koç-Stiftung, eine der wichtigsten Locations für zeitgenössische Kunst in Beyoğlu, bestätigt den dramatischen Rückgang der Besucherzahlen: „Beyoğlu entwickelt sich vom Vergnügungs- und Kulturzentrum zu einem auf Shopping fokussierten Viertel. Auch bei Arter sind die Besucherzahlen um beinahe 50 Prozent gegenüber den Vorjahren eingebrochen. Wir haben eine Umfrage gemacht, bei der Menschen zwischen 25 bis 44 Jahren mehrheitlich sagen, dass sie nicht mehr in Beyoğlu ausgehen. Früher kamen Menschen nach Beyoğlu, um hier ins Theater, ins Kino, in Ausstellungen und essen zu gehen. Natürlich spielt Angst bei dieser Entwicklung eine wichtige Rolle. Ich weiß nicht, wie oft ich selbst käme, wenn ich hier nicht arbeiten würde. Am schlimmsten ist das Gefühl, dass nichts von Dauer ist. Man gibt so leicht auf.“

Foto: Vedat Arık

Yıldıray Arslan (Foto oben), Geschäftsführer der Taverne Yakup2 spricht über die Auswirkungen von neuartigen Verboten: „Vor dem Verbot, Tische und Stühle draußen aufzustellen, konnten sich kleinere Geschäfte trotz der hohen Mieten halten. Inzwischen gehen der Reihe nach alle weg aus Asmalımescit. Der Umsatz ist um die Hälfte eingebrochen. Da hat keiner mehr Lust. In Beyoğlu ging man erst in ein Meyhane und anschließend in die umliegenden Bars und Clubs, die sind inzwischen alle weg.“

Tarkan Konar, ehemaliger Vorsitzender des Vereins Vergnügungsstätten Beyoğlu BEYDER, lebt und arbeitet seit der Kindheit in Beyoğlu. Konar berichtet, als Vereinsvorsitzender habe er die Zuständigen gewarnt, doch niemand habe auf ihn gehört: „Das Verbot, Tische und Stühle draußen aufzustellen, Rauch- und Alkoholverbot durch die Tabak- und Alkoholregulierungsstelle (TAPDK), Werbeverbote unter dem Deckmantel von Alkoholverbot, Verbot von Alkoholausschank nach 22 Uhr, der Verfall des Atatürk-Kulturzentrums seit Jahren. Nehmen Sie all das zusammen und Sie sehen, was den Wandel in Beyoğlu vorbereitet hat.

Der Kosmopolitismus, der hier einst herrschte, wurde zerstört. Mit Fokus auf die erwarteten Touristen aus den Golfstaaten haben sie versucht, Beyoğlu zum Kern des Hotelgewerbes zu machen. Wir sahen voraus, dass das nicht klappen würde, und haben Recht behalten. Etablierte Geschäfte zogen aus und wurden von schlechteren ersetzt. Illegale Geschäfte, Prostitution, Drogenhandel haben zugenommen. Ein solcher Schaden wurde Beyoğlu zuletzt von den Putschisten 1980 zugefügt, in den 80er Jahren breiteten sich hier Spelunken und Kaschemmen aus. Danach fing Beyoğlu sich wieder, wie immer im Lauf der Geschichte.“

„Danach fing Beyoğlu sich wieder, wie immer im Lauf der Geschichte.“ Foto: Vedat Arık

„Sie werfen jemanden unschuldig in den Knast, bringen ihn aber nicht um“, mit diesem Vergleich erklärt Konar die Lage des Vergnügungssektors in Beyoğlu: „Im Grunde geht es um Rendite. Nicht um Politik oder Religion. Immobilien gehen derzeit von einer Hand in die andere über. Deshalb wird Beyoğlu illegalen Geschäften überlassen.“

Bauplan für die Taksim-Moschee verändert

Auf der Istiklal-Straße schließen die Läden, in den Gassen sind ständig Bauarbeiten im Gange, auch am Taksim-Platz sieht es nicht anders aus. Der Umbau in eine „Fußgängerzone“ läuft seit drei Jahren. Nun wurde auch der Grundstein für das Moscheeprojekt gelegt, das Recep Tayyip Erdoğan vor Jahren schon versprochen hatte.

Dabei hatte 2011 die Istanbuler Stadtplaner- und Architektenkammer den von ihr angestrengten Prozess gegen diesen Moscheebau gewonnen. Durch diesen Gerichtsbeschluss wurden auch zahlreiche im Gezi-Park und am Taksim-Platz geplante Projekte gestoppt. Um doch bauen zu können, wurden 2015 einfach die alten Baupläne widerrufen, so dass der Gerichtsbeschluss von 2011 den neuen Bauprojekten juristisch nicht im Weg stehen kann.

Tayfun Kahraman, Vorsitzender der Stadtplanerkammer Istanbul, berichtet, dass sie wegen dieser Prozesse ins Visier der Regierung gerieten. „Die wollen keine Moschee“, heiße es über sie.

„Die wollen keine Moschee.“ Foto: Vedat Arık

„Dabei hatten wir lediglich gesagt, dass für den Bau einer Moschee dieser Größe hinsichtlich der Stadtplanung Analysen und Vorstudien notwendig sind. Auf dem Taksim-Platz gibt es keinen dringenden Bedarf für eine Moschee. Es geht nur darum sich diesen als politisches Symbol anzueignen. Als Erdoğan 1994 Bürgermeister von Istanbul war, kündigte er bereits den Bau einer Moschee im Gezi-Park an.“

Kahraman sagt, als Tourismus-Ghetto wäre Beyoğlu verloren, daher dürfe es seine Funktion als Kultur- und Vergnügungsviertel nicht einbüßen: „Es wird blindlings gebaut. Taksim und Beyoğlu sind symbolische Orte. So erleben wir derzeit einen symbolischen statt ganzheitlichen Städtebau. Die Gegend wird ausschließlich dem Gewerbe überlassen, Wohnraum wird abgeschafft, damit wird der Ort seiner Lebendigkeit beraubt. Doch ich bin sicher, letztlich wird Beyoğlu wieder neu aus der Asche auferstehen.“

Fotos: Vedat Arık

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

ist Journalistin. Ihre Karriere begann 1993 bei der Tageszeitung Sabah. In den folgenden Jahren arbeitete sie für die Zeitungen Vatan, Akşam und Milliyet. 2015 verlor Evin ihren Job als Redakteurin, weil sie sich gegen Zensurmaßnahmen wehrte. Seither schreibt sie unter anderem für das Nachrichtenportal Diken.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de