Iran: Der Diktator ist tot, es lebe die Diktatur!
Nachts feiern die Menschen, dass ihr Unterdrücker Ali Chamenei endlich tot ist. Tagsüber trauern seine Anhänger. Ist das Regime nun besiegt?
Um die Realität anzuerkennen, brauchte das iranische Regime ein wenig. Erst in den frühen Morgenstunden erklärte ein Nachrichtensprecher in den Staatsmedien den Tod des Obersten Führers Ali Chamenei – und brach vor laufender Kamera in Tränen aus.
Zu diesem Zeitpunkt waren regimekritische Iraner, die sich nicht auf die Staatsmedien verlassen, längst zu Tausenden auf den Straßen und feierten. Ein Mann, dem es trotz Netzsperre gelang, sich über Starlink kurz mit dem Internet zu verbinden, schreibt der taz: „Auf unseren Straßen ist gerade eine f***ing Party!“
Videos zeigen ein Land im Jubeltaumel. Menschenmassen fluten die zentralen Plätze und Boulevards, zünden Feuerwerkskörper an und tanzen. „Ali die Maus, ist tot!“, rufen sie, in Anspielung auf Chameneis Bunker, in dem er sich im letzten Jahr häufig zurückgezogen hatte – wie eine Maus in ihr Mauseloch, spotteten viele Menschen im Land.
Auch unter Exil-Iranern ist die Freude über den Tod des Diktators groß. In Berlin haben am Samstag einige Hundert von ihnen spontan eine Kundgebung angemeldet und am Kurfürstendamm gefeiert. Widerstandslieder werden gesunden, vor Freude weinend fallen die Menschen sich in die Arme, manche schwenken die vorrevolutionäre Flagge mit Sonne und Löwe und werfen eine Ratte aus Plüsch in die Luft, die Chamenei symbolisiert. „Heydar, heydar, Chamenei par par“, singen sie dazu, was sich übersetzen lässt als: „Bye bye Chamenei“. Am Ende der Kundgebung gibt es „Dankeschön“-Sprechchöre für die Polizei.
Nur ein vorläufiges Aufatmen
Im Gespräch mit Teilnehmern wird allerdings schnell klar, dass diese Freude nur ein vorläufiges Aufatmen ist. Viele sind nervös, was die nächsten Tage bringen. Hoffnung und Angst wechseln sich ab. „Ich habe Millionen Gefühle in mir“, sagt eine Demonstrantin. Eines scheint hier allen bewusst zu sein: Ali Chamenei mag tot sein, aber das totalitäre System, das er anführte, ist damit nicht beseitigt.
Seit Monaten hat sich das Regime auf diesen Moment vorbereitet. Noch kurz vor dem Angriff der USA und Israel hatte Chamenei seinen treuen Gefolgsmann Ali Larijani zum vorläufigen „starken Mann“ erklärt, der im Falle seines Todes die wichtigsten Entscheidungen im Land treffen soll. Außerdem hatte der Oberste Führer für jede wichtige Machtposition im Regime vier aufeinander folgende Nachfolger bestimmt.
Die iranische Diktatur ist, im Gegensatz zum gestürzten Assad-Regime in Syrien, kein Einmannprojekt, sondern ein Organismus mit vielen nachwachsenden Köpfen. Das Machtgefüge der Islamischen Republik besteht aus drei Säulen: dem Obersten Führer, den Revolutionsgarden und der offiziellen Regierung. Zumindest eine Säule ist mit dem Tod Chameneis nun angeschlagen.
Als Nachfolger kursieren mehrere Namen, etwa der frühere Präsident Hassan Ruhani, Chameneis Sohn Mojtaba, der als Mann der Revolutionsgarden gilt – und Hassan Chomeini, Enkel des ersten Revolutionsführers.
Laut der Verfassung der Islamischen Republik muss es sich beim Obersten Führer um einen hochrangigen Kleriker handeln, zugleich braucht er reale Macht. Eine Person, die beides erfüllt, ist bisher nicht in Sicht. Bis sie gefunden ist, übernimmt ein Interimsrat die Führung. Darin sitzen Präsident Masud Pezeshkian, der Justizchef Gholamhossein Mohseni Ejei und ein Mitglied des Wächterrats, der heute Vormittag festgelegt wurde: der Hardliner und Ajatollah Alireza Arafi. Wie viel die drei aktuell tatsächlich zu sagen haben, ist unklar. Und eine langfristige Lösung ist das nicht.
Als Übergangsführer in Stellung bringt sich zudem schon länger Reza Pahlavi, der im Exil lebende Sohn des 1979 gestürzten Schahs. Am Sonntag rief er die Sicherheitskräfte zum Umsturz auf.
Indoktrinierte Basis
Nicht zu unterschätzen ist die Basis teils stark indoktrinierter Unterstützer, die weiterhin an das Projekt der Islamischen Republik glaubt. Ihr Anführer ist tot, aber das System, an dem sie mit religiöser Inbrunst festhalten, steht noch immer.
Nachts gehörten die iranischen Straßen zwar denjenigen, die den Tod ihres Unterdrückers bis in die frühen Morgenstunden gefeiert haben. Doch tagsüber mobilisierte das Regime seine Anhänger, um auf Massenkundgebungen den Tod Chameneis zu betrauern. Auf dem Revolutionsplatz in Teheran und auf dem Naqsche-Jahan-Platz in Isfahan sind Tausende Regimeanhänger, die für den „Märtyrer“ Chamenei Präsenz zeigen und Amerika den Tod wünschen.
Das mag zwar nur eine Minderheit sein, es sind aber dennoch Millionen. Solange es keine Austritte aus Armee und Sicherheitsbehörden gibt oder gar einen Volksaufstand – wie Trump und Netanjahu es sich wünschen –, bleibt diese Minderheit mit allen Mitteln ausgestattet, um sich im Sattel zu halten.
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