Internationaler Frauentag: Die Unsichtbaren

Ich bin die Sahne auf dem Ganzen

Sie ist die Freundin eines katholischen Priesters, der ohne Familie und ohne Sex leben soll. Eine Frau ringt um ihren Platz in einer ungleichen Beziehung.

„Die Unsichtbaren“ – Protokolle der taz zum Internationalen Frauentag. Bild: imago

Ich hatte schon viel von Peter* gehört. Er bietet Exerzitien, also spirituelle Übungen an, die einen sehr mit sich selbst konfrontieren. Ich fing an, ihn zu besuchen. Er lebt in einer Gemeinschaft mit vielen Menschen. Ich fuhr hin, nahm an seinem Leben teil. Peter ist ein engagierter Ordensmann, der sich viel einmischt, damit konnte ich etwas anfangen. Ich war gleich ganz aufgehoben.

Der Schlüsselmoment: Ich fragte ihn, ob er mich seelisch begleiten wolle. Ich musste zu der Zeit mit einer Krankheit fertigwerden. Begleiten, das heißt, man spricht regelmäßig einmal im Monat miteinander, um etwas zu lösen oder durch eine Phase zu gehen, die schwierig ist, um zu schauen, wie es im Leben weitergeht. Ich fragte ihn also, ob er mich begleiten würde, und die Antwort lautete: „Ich warte auf dich.“ Nicht „okay“ oder „nein“. Nicht: „Ja, ich will dich begleiten“, sondern: „Ich warte auf dich.“

Zu dem Zeitpunkt war ich schon in ihn verliebt. Wir haben angefangen, zu kuscheln, uns zu küssen, er hat mich besucht und bei mir im Bett geschlafen. Aber ich wusste nicht genau, was das bedeuten sollte. Er knuddelte viele Frauen, er ging mit einer Ordensschwester wandern. Er zog sich auf sein Priestersein zurück. Er kann nicht mit einer Frau zusammen sein – also ist er es auch nicht. Was irgendwann eine einzige Farce wurde. Er hatte sich auch verliebt. Das war nicht mehr zu übersehen.

Müssen Frauen heute noch darum kämpfen, aus der Unsichtbarkeit zu treten? Die Reichen und Schönen nicht.

Frauen erzählen etwas über ihre Unsichtbarkeit. Am 8. März, dem Internationalen Frauentag. In der taz.

Aber wir sprachen mit den anderen nicht darüber, nicht in seiner Gemeinschaft, nicht mit Freunden. Auf der Straße hielten wir nicht Händchen. Ich konnte ihn nie anfassen – außer wir waren allein. Und da er in seiner Gemeinschaft praktisch nie allein ist – tja. Meine Freundin hat uns dann ab und zu ihre Wohnung zur Verfügung gestellt, das war schon sehr merkwürdig.

Ein Ordensmann, durch und durch

Ich fühlte mich damit überhaupt nicht wohl. Er verleugnete mich. Er hielt die ganze Frage von sich weg. Er ist ja Priester. Er sitzt da in seiner Gemeinschaft und ist dort der Guru, sie schmieren ihm die Butterbrote, putzen ihm das Klo, räumen für ihn auf, das ist ein gutes Leben. Und er ist ein Ordensmann, durch und durch. Es war völlig klar, dass er den Orden nie verlassen wird. Aber was war mit meinem eigenen Leben?

Darüber habe ich mich als Erstes beschwert. Was ist mit meinem Leben? Wie kann ich die Liebe leben? Ich sitze auf dem Land, habe keine Gemeinschaft und muss arbeiten gehen. Und ich muss mein Haus und den Garten versorgen. Und dann fahre ich in die Stadt rein zu ihm und seinem tollen Leben, wo ihm alles abgenommen wird, während ich mir einen abbreche. Das hat er verstanden.

Nun besuchen wir uns abwechselnd, und er hilft mir. Dass er das verstanden hat, war für mich sehr wichtig. Denn er ist ohnehin in der besseren Position. Es ist ein Machtungleichgewicht. Er hat seinen Orden, die vielen familiären Kontakte in seiner Gemeinschaft. Und dazu noch eine Freundin. Ich bin das Sahnehäubchen obendrauf. Besser geht’s ja wohl nicht. Aber ich zahle den Preis.

Ich lasse zu, dass ich unsichtbar bleibe. Ich verzichte auf ein vollständiges Paarleben. Wir können nicht zusammenziehen, wir könnten nicht heiraten, wenn wir wollten. Wir können nicht als Paar auftreten. Von den Finanzen gar nicht zu reden. Könnten wir heiraten, wäre ich über Peter mit abgesichert. „Weißt du“, habe ich gesagt, als gerade die Missbrauchsdebatte tobte, „vielleicht ist das, was ich hier mit mir machen lasse, auch eine Art Missbrauch.“

Die Frau ist die Sündige

Wir haben viel darum gerungen. Ich bin nicht irgendeine Freundin, die man nach Bedarf in sein Leben einfügen kann, wie es gerade passt, und bei anderen Gelegenheiten wieder ausschließt, das habe ich immer wieder betont. Denn es ist ein Ausschluss, er räumt mir in seinem Leben nur einen untergeordneten Platz ein. Er konnte darauf nicht gut reagieren, weil er den Status quo auf keinen Fall verlassen wollte. Er sei mir dankbar dafür, dass ich sein Ordensleben respektiere.

Na super. Ich habe nie von ihm verlangt, dass er den Orden verlässt. Denn der ist sein Leben. Peter hat sein ganzes Leben Gott geschenkt. Deshalb leben die Priester ja angeblich zölibatär. Nichts soll sie ablenken von Gott. Dagegen habe ich schlechte Karten: Ich kann nicht sagen: „Ich oder dein Ordensleben“. Das will ich nicht. Und doch kann es sein, dass ich es eines Tages sagen werde.

Aber dieses Verschweigen, dieses Lügen. Nie konnte ich sagen, wie es mir wirklich geht, weil ein Teil meines Befindens mit ihm zu tun hat. Ich will kein Objekt sein, sondern seine Freundin. Und dann nervte mich auch immer mehr, dass ich das System stütze, das in sich nicht gerecht, sondern lebensfeindlich ist. Ich helfe mit, den Zölibat aufrechtzuerhalten. Als wäre Gott eifersüchtig auf die Frauen. So ist Gott nicht. Der Zölibat hat eine reine Machtfunktion, die Kirche greift in dein Innerstes, in dein Sexualleben ein.

Und dann schwingt natürlich auch noch mit, dass die Frau früher als unrein galt. Wer sagt denn, dass eine Frau einen Mann von Gott ablenkt? Oft lenkt sie ihn ja noch mehr hin! Nein, wenn es hart auf hart kommt, ist immer noch die Frau die Sündige. Die Gleichstellung der Frauen ist weit weg. Das kann ich auch nicht auf mir sitzen lassen.

Leben in großer Eigenständigkeit

Was uns dann geholfen hat, war unser Mut. Nach dreieinhalb Jahren Beziehung haben wir beschlossen, uns gegenüber seinem besten Freund, der auch Priester ist, zu erklären. Das war schon mal gut. Er hat uns als Erstes beglückwünscht. Bei ihm hatten wir für unsere Liebe einen Schutzraum. Ich war mit drin. Ich war sichtbar. Dann habe ich gesagt: So, und jetzt gehe ich zu deinem Ordenschef. Und er antwortete einfach: Ja, okay.

Peter ist ein Mensch, der nicht viel Angst hat. Das ist eine seiner tollen Eigenschaften. Es gab keine langwierige Überlegung, sondern: Bei der nächsten Gelegenheit, ihn zu treffen, gehen wir zusammen hin. Das haben wir dann gemacht: Peter hat mich vorgestellt, und ich habe gesagt: Ich bin seine Freundin. Wir haben eine Liebesbeziehung. Der Ordenschef war peinlich berührt. Er murmelte etwas von: „Das kann ja mal passieren, dass man sich verliebt. Das geht auch wieder vorbei.“ Das war’s. Er kehrte es unter den Teppich.

Es war trotzdem gut für mich. Wir zeigen uns jetzt klarer als Paar. Wer es wissen will, der weiß es. Das hat mich sehr erleichtert. Natürlich bleiben wir in einer ungelösten Situation. Trotzdem, jetzt ist für mich die Richtung klar: Wir leben, was möglich ist. Da spiele ich nun schon mal eine größere Rolle. Zum Beispiel: Wir fahren zu einem Treffen seines Ordens. Und Peter schläft nicht bei seinen Mitbrüdern, sondern geht mit mir ins Hotel. Solche Sachen.

Dabei habe ich gemerkt, dass ich diese Ungleichheit sehr stark angenommen hatte. Ich reproduziere selbst diesen Missbrauch, wenn ich mich füge. Jetzt habe ich begonnen, daraus meine eigene Stärke zu entwickeln. Die gegenseitigen Besuche. Wenn er zu mir fährt, dann muss er andere Termine absagen. Da habe ich schon mal etwas gewonnen.

Und was ich erst jetzt langsam merke: Ich kann mein Leben in großer Eigenständigkeit leben – denn das tut er ja auch. Ich mache, was ich will. Ich teile ihm mit, dass ich allein in den Urlaub fahren will, und – das ist wieder das Wunderbare an ihm – er sagt: Ja, prima, fahr in den Urlaub. Ich kann keine Besitzansprüche stellen – aber er eben auch nicht. Peter ist ein Mensch, der damit zurechtkommt.

Das ist der Vorteil meiner merkwürdig unsichtbaren Situation: Ich habe einen Freund, aber ich habe auch ein ganz starkes eigenes Leben. Ich bin manchmal einsam. Aber ich fühle mich auch frei.

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