Integration: Fremdsprache statt Freibad

Sie pauken, um nicht baden zu gehen: Berliner SchülerInnen nichtdeutscher Herkunft lernen in ihren Sommerferien Deutsch. Doch die Kurse, die der Senat anbietet, sind bei weitem nicht ausgebucht

Wenn man in die Gelbe Villa in Kreuzberg kommt, hat man nicht den Eindruck, eine Schule zu betreten. Die Räume sind weitläufig und hell, die meisten Türen sind aus Glas, und neben dem Eingang gibt es einen Empfangstresen. "Wann können die Eltern die Kinder wieder abholen?", fragt ein Junge die Frau hinter dem hohen Tisch. "Ab halb eins." Der Junge wendet sich seiner Mutter zu und übersetzt ihr in Arabisch, wann sein Deutschsprachkurs heute vorbei ist.

Auch in diesem Jahr bietet der Senat Deutschkurse in den Ferien an. Für die Sommersprachschule im hessischen Grebenhain vom 12. bis 25. August gibt es kurzfristig noch freie Plätze. Anmelden können sich SchülerInnen der 7. bis 10. Klasse. Die Kosten für den zweiwöchigen Kurs betragen 290 Euro, können jedoch durch das Jobcenter bezuschusst werden. Die nächsten Sommersprachkurse in der Gelben Villa wird es voraussichtlich in den Herbstferien geben. NG

Insgesamt 26 SchülerInnen der 7. Klasse, türkischer, arabischer, französischer, polnischer und italienischer Herkunft, gehen zwei Wochen lang jeden Tag von 10 bis 16 Uhr zur Sommerschule in das Kreativ- und Bildungszentrum für Kinder und Jugendliche. Statt die Ferien im Freibad zu verbringen, sollen sie hier in Kleingruppen Deutsch lernen. "Obwohl wir zurzeit hochsommerliche Temperaturen haben, hat bisher kaum jemand gefehlt", freut sich Andrea Wellbrock, Geschäftsführerin der Gelben Villa.

Seit vergangenem Jahr bietet die Senatsverwaltung für Bildung in Kooperation mit der Stiftung Mercator, dem Bildungswerk ars vivendi und der FU rund hundert Berliner Jugendlichen mit Migrationshintergrund vier Sommersprachschulen an. In der Gelben Villa standen in diesem Jahr eigentlich 40 Plätze zur Verfügung. "Weil aber gerade Kinder Familien mit Migrationshintergrund oft für die ganzen Ferien in ihre Heimat fahren, sind es nur 26 Schüler geworden", erklärt Wellbrock.

Die Kurse in der Gelben Villa finden auch in allen anderen Schulferien statt. Sie kosten 60 Euro, die das Jobcenter ALG-II-Empfängern erstattet, und beinhalten das Mittagessen. Neben dem Kurs in Kreuzberg gibt es je zweiwöchige Sprachcamps in Falkenberg, Wangerooge und im hessischen Grebenhain. Die zweiwöchigen Fahrten kosten mit Unterbringung und Verpflegung zwischen 210 und 290 Euro und werden finanzschwachen Familien bezuschusst.

"Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mondgesicht." Mit ihren fünf Schülern aus Italien, Frankreich und Polen muss Constanze Arlen ganz von vorne anfangen. "Die Kinder sind erst seit wenigen Wochen in Deutschland und haben praktisch keine Vorkenntnisse", erzählt die 26-jährige Lehramtsanwärterin, die seit zwei Jahren für die Mercatorstiftung arbeitet. "So kleine Sprachreime können da hilfreich sein."

"Wir machen hier keinen schulischen Deutschunterricht, sondern Sprachförderung", betont Barbara Hecke, Mercatorkoordinatorin und Abgeordnete im Bildungssenat. Vormittags üben die Schüler in Kleingruppen Deutsch. Das fange bei Grundlagenübungen an, erklärt Hecke und höre bei Wortschatzerweiterung für Gymnasiasten auf. Nachmittags werden diverse Freizeitworkshops angeboten. "Da wir nicht nur Schüler türkischer oder polnischer Herkunft haben, sind die Jugendlichen auf die deutsche Sprache angewiesen, um sich untereinander zu verständigen", erklärt Hecke.

Safter Cinar findet die Idee des Projekts gut. "Es hat eigentlich zwei Funktionen", sagt der Vorsitzende des türkischen Elternvereins. "Neben der Sprachförderung haben Kinder, deren Eltern sich keinen Urlaub leisten können, die Möglichkeit, ihre Ferien sinnvoll zu nutzen."

Doch auch für die Lehrkräfte an der Sommerschule soll sich das Projekt lohnen. "Die meisten von ihnen sind Lehramtsstudenten ", erzählt Hecke. Durch die Arbeit an der Sommerschule könnten sie sich schon mal auf die Sprachheterogenität im späteren Schulleben vorbereiten. "Denn als Lehrer in Berlin steht man früher oder später ohnehin vor einer Klasse, in der 15 verschiedene Sprachen gesprochen werden."

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