Inside Adel: Leben für die Etikette

Sie soll einen Mann von Stand heiraten. Sie soll nicht wie eine Schlampe aussehen. Sie soll Menschen hegen, wie der Schäfer sein Vieh. Sie soll eine Adelige sein.

Spitze im Kindesalter: ein Kleid von Prinzessin Anne im Buckingham Palace. Bild: ap

Ein entspanntes Fest bedeutet: Nur die Hälfte der Gäste ist adlig. Unter Ahnenbildern hindurch, an präparierten Auerhähnen vorbei, durch einen blutroten Flur. Augen nach links, zum goldgerahmten Kaiser Wilhelm II., hinter dem eine ausgestopfte Albino-Bergziege gereckten Hufes zum Speisesaal weist.

An den Türen zeigen ausgehängte Führlisten die Tischordnung. Herren im Smoking ziehen ihrer Tischdame bereits den Stuhl zurück. Ich suche auf der Liste nach mir. Anhand meines Platzes weiß ich, ob ich in Ungnade gefallen bin – oder verkuppelt werden soll. Ebenbürtige Ehen anzubahnen, ist auch Zweck solcher Feste. Die Vermählung meiner Eltern wurde von seinen Eltern (den Freiherren von Soundso) und ihren Eltern (den Herren von Soundso) bekannt gegeben. So sollte es weitergehen.

Da bin ich. Freiin von Soundso. Vor meinem Familiennamen steht wie immer der Titel, der unverdiente, eine Erbkrankheit.

* Der wahre Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. Sie ist heute 29 Jahre alt und arbeitet als Illustratorin.

Meine Großmutter sagt: „Ja, das schreiben wir hin. Nicht, weil wir Wert darauf legen. Das ist wichtig, damit die Gäste nicht in eine missliche Lage kommen, stell dir vor, jemand spricht einen Grafen mit Freiherr an – das wär doch nicht schön.“

Ass im Ärmel

Gäbe es den Gotha, das Nachschlagewerk des Adels, auch als Version für mein Mobiltelefon, könnte ich spaßeshalber checken, wann es zu genetischer Kreuzung zwischen meiner Familie und denen anwesender Standesgenossen kam. Das durchs Blutsbande geknüpfte Netzwerk des Adels ist ein stetes Ass im Ärmel. Es hilft, wenn nötig, bei der Job- und Wohnungssuche, hilft Leute in der neuen Stadt zu finden, es hilft ganz allgemein, Kontakte herzustellen. Die Bedingung dafür ist so klar wie unhaltbar: Mach uns keine Schande!

Über Safranraviolo an Wildtierschäumen sinken wir ins Gespräch. Es geht um Jagden – in solchen Erzählungen schwelgen sie, die Jagdscheininhaber, Jagdpächter, Jagdverpächter, Großwildjäger, Trophäenliebhaber und Selbstschlachter. Meine Wahrheit indes ist, dass der Anblick der Jagdstrecke, des am Boden aufgereihten Todes mir unerträglich ist, seit ich ein Kind war. Eine Einladung zur Jagd habe ich natürlich seit Jahren nicht erhalten. Karnevaleske Autoaffirmation mit Gott für König und Vaterland ist Wochenendbeschäftigung für Horden enteigneter Herbstfarbenträger.

Mein Onkel sagt: „Eine gute Frau kann auch mal einen Bock schießen und selbst ausnehmen. Eine gute Frau hat auch mal Dreck in der Fassung ihres Siegelrings.“

Trotz rund 40.000 adliger Männer in Deutschland habe ich erst ein Mal mit einem Standesgenossen geknutscht. Wir trafen uns auf einem Ball, doch statt nett miteinander zu tanzen und das Entzücken in Großmutters Augen zu wecken, hatten wir Sex in dem VW-Bus, mit dem er und seine Freunde aus der Burschenschaft angereist waren. Danach richteten wir auf der Rückbank unsere Kleider und sprachen nie wieder miteinander.

Erziehung zur Lady Di

Im Dunstkreis dieses Balls würde ich auch die Frau wiedertreffen, bei der ich als Kind einige Jahre lebte. Sie wird meine Ziehmutter genannt, weil sie mich ersatzweise erzog. Und maßregelte und zurechtwies und zurechtstutzte. Sie versucht mit Lockenwicklern und sehnsuchtsvoller Grandezza noch heute wie Lady Di auszusehen.

Ihre steten Ermahnungen, ich möge nicht wie ein Äffchen, nicht wie Lieselotte Pumpe, nicht wie eine Schlampe herumlaufen, sondern mich meiner Rolle als Repräsentantin der Aristokratie entsprechend benehmen, endete in Resignation. Sie sagte: „Ich habe zwei Jahre lang versucht, einen guten Kerl aus dir zu machen, aber wenn ich dich ansehe, erkenne ich, dass das alles umsonst war.“

Widerworte schrieb ich in mein Tagebuch. Und ich fing an, die einfachen Leute zu romantisieren, die Lieselotte Pumpes der Welt, von denen ich mich abgrenzen sollte, weil uns angeblich etwas unterschied. Ich sehnte mich nach dem Rinnstein der Freiheit. Als Teenager lebte ich wieder bei meiner Familie, wo mir erlaubt war, mich zu kleiden und frisieren, wie es mir gefiel. Das ist unüblich.

Die optische Einheitlichkeit beginnt in der Wiege. Anständig sind Hemd oder Bluse, bloß kein nackter Hals. Keine grellen Farben, aber Matrosenanzüge an Kleinkindern; ach des Kaiserreichs glorreiche Flotte. Goldene Stretchhosen und Kunsthaar-Rastazöpfe haben beim großen Sommerfest im kleinen Wasserschloss nichts verloren. Man hielt mich ungeachtet meiner geschliffenen Umgangsformen für das Au-pair-Mädchen meiner Mutter. Ich wiederum dachte damals, ich erkenne ein Adelskind aus 200 Metern Entfernung. Denn alle sehen gleich aus. Es gibt keine Mode, sondern einen Kanon der Formen, aus dem zitiert wird.

Konkrete Codes

Ein Blender bräuchte eine aufrechte Haltung, Manieren, den Gebrauch des Präteritums, die Vermeidung bestimmter Begriffe. Also nicht sagen: „Das erbte ich von meiner Oma.“ Niemand nennt seine Großmutter „Oma“. Schneidet jemand eine Kartoffel mit dem Messer oder entschuldigt sich, weil er auf die „Toilette“ muss, liegt die Abwesenheit von Schliff offen. Kartoffeln bricht man mit der Gabel und der Ort heißt „Klo“.

Treffe ich Menschen, die die Codes wie besessen pflegen, stellen sie sich oft als Burschenschaftler heraus, mit Ernst-Jünger-Buch in der Innentasche der Wachsjacke, gleich am Herzen, solche, die vom „ehrenhaften Tod durch Erschießen“ faseln. Sie wollen nach oben oder oben bleiben.

Wer wirklich von innerer Haltung ist, der tritt bescheiden auf, scheut nicht die Arbeit, der pflegt seine Gemeinschaft, handelt karitativ, bemüht sich um Gedeih. Wie der Jäger euphemistisch Wildpfleger genannt wird, so hegt der Hochgeborene die einfachen Leute. Wir müssen Vorbild sein, heißt es. Den höchsten Anspruch an uns selbst haben.

Jene gegen uns selbst gerichtete Strenge gilt aber auch den anderen, und sie verwandelt sich schnell in Überheblichkeit, Verbitterung und Entfremdung. Wo gesellschaftliche Veränderungen die dynastische Kontinuität bedrohen, erstarren Lebensumstände zu Zwängen.

Leben unter sich

Witze über rückständige Landadlige in klappernden Karren zu machen, ist wenig mühevoll. Je größer der materielle Verlust und dadurch bedingte Ansehensschwund, umso fester wird der Siegelring auf den Finger geschraubt. Eine Freundin sagt: „Die Männer haben Schulden und die Frauen sitzen zu Hause und füttern ihre neun Kinder vom Ikea-Löffel. Kein Geld für die neue Waschmaschine, aber schön unter sich bleiben wollen.“

Zu Hause, hinter Zugbrücken, wo wir unter uns waren, glaubte ich mangels Umgang mit Dorfkindern noch, da sei etwas anders bei denen, deren Vorfahren nie in Rüstung den Hügel verteidigten. Inzwischen sorge ich mich eher um all die Kinder auf Hügeln, die jungen Namensträger, die in solch ein Gedankenkorsett hineingeboren werden, das abzulegen so häufig erst einmal den Bruch mit der Familie erfordert.

Zum Glück besuchte ich kein Internat. Ein abtrünniger Onkel riet mir, Orte zu meiden, an denen ich auf mehr als zwei Prinzessinnen treffen könnte. Segensreich war die ostwestfälische Provinz.

Kiffend in Gartenhütten abhängen, Metal hören, über Wrestling und Mopeds reden war für meine Freunde aus strengen katholischen Familien genauso befreiend wie für mich, auch wenn es an tiefem gegenseitigem Verständnis mangelte: Die Autorität, die es niederzuringen galt, war dem jeweils anderen zu abstrakt.

Fesseln der Familie

Ob ich mit dem englischen Königshaus verwandt sei, fragte mich ein Mädchen – als sei der europäische Adel ein Kreis aus 200 Personen. Dabei hatte fast jedes Dörfchen seinen Junker.

Auch die Guttenbergs haben einen Hügel, Karl-Theodor war kurz Deutschlands fleischgewordener Arztroman. E stürzte über die Erwartung, seiner Familie gerecht zu werden. Nur keine Schande machen. Ich hörte die ganze Kindheit hindurch: „Wenn deine Vorfahren dich sehen könnten, sie würden sich im Grab umdrehen.“

Die Mär vom guten Betragen ist mir Gewissheit geworden. Ich glaube, dass wir Menschen gut zueinander sein, dass wir uns den Himmel auf Erden bereiten können.

Ich sitze beim Abendessen und würde so gern aufstehen, eine Rede halten: „Liebe Standesgenossen: „Das war’s. Ich leiste keine guten Werke an Schutzbefohlenen, die einen gesellschaftlichen Stand rechtfertigten. Ihr übrigens auch nicht. Bauen wir ab. Fangen wir etwas Neues an!“ Aber ich schweige. Dies ist meine Familie. Sie hat mich gut erzogen.

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