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Immer umkämpft

Dass Brokdorf bundesweit bekannt ist, liegt an dem AKW – und dem Streit darum. Vor 50 Jahren fand die erste große Demonstration dort statt

Aus Brokdorf Reimar Paul

Wo vor 50 Jahren eine von der Polizei zur Festung ausgebaute Baustelle war, komplett mit Wassergraben und scharfkantigem Nato-Drahtzaun, steht jetzt das abgeschaltete Atomkraftwerk Brokdorf. Am 1. Januar 2022 ist es für immer vom Netz gegangen, seit zwei Jahren läuft der Rückbau. Bislang passiert der vor allem im Innern des Kraftwerks, die optischen Veränderungen an den Außenanlagen haben sich deshalb in Grenzen gehalten.

Hellgrau ist die Reaktorkuppel, zusammen mit dem rund 150 Meter hohen Abluftkamin prägt sie die Silhouette. Daneben, ganz in Weiß, das wuchtige Maschinenhaus. Neu dazugekommen ist die sogenannte Transportbereitstellungshalle – das Zwischenlager, in dem in Castoren verpackt die dem Reaktor entnommenen Brennelemente so lange aufbewahrt werden sollen, bis ein Endlager für den hochradioaktiven Müll zur Verfügung steht. Rund um das 12 Hektar große Betriebsgelände verläuft ein Zaun.

Wir sind zu Fuß gekommen. Von Wewelsfleth, das fünf Kilometer entfernt liegt, über den Elbdeich. Denselben Weg wie am 31. Oktober 1976, als wir das erste Mal in Brokdorf waren.

Brokdorf ist das am heftigsten umkämpfte und symbolträchtigste deutsche Kernkraftwerk. Schon gegen den in einer Nacht-und-Nebel-Aktion erfolgten Baubeginn hatten am 30. Oktober 1976 rund 6.000 Menschen demonstriert, einige Hundert besetzten das Baugelände. Im Morgengrauen trieben Polizisten die Besetzer mit Hunden, Knüppeln und Tränengas vom Platz. „Die Polizei ging mit unfassbarer Brutalität vor“, hieß es damals in den NDR-Nachrichten. Die Demo war die erste große Protestaktion gegen ­Brokdorf, als „Brokdorf 1“ ging sie in die Annalen des Anti-Atom-Protestes ein.

Einen Tag später protestierten auf dem Elbdeich 4.000 Menschen gegen die Polizeiübergriffe. Wir hatten die Räumung des Baugeländes am Vorabend in den Fernsehnachrichten gesehen, hatten keine Ahnung von Atomkraft und waren aus Neugier nach Brokdorf gefahren. Vielen, die an diesem Tag mit uns unterwegs waren, ging das wohl ebenso.

Obwohl die Polizei weiträumig Straßen abgesperrt hat, ziehen zwei Wochen später, am 13. November, 30.000 durch die Wilstermarsch zum Bauplatz: „Brokdorf 2“. Der Versuch einer erneuten Besetzung misslingt. Polizisten und Grenzschützer verteidigen das Gelände, werfen Tränengaskartuschen aus tief fliegenden Hubschraubern in die Menge. Hunderte Menschen werden verletzt.

Waren die ersten großen Anti-AKW-Proteste im badischen Wyhl noch stark regional geprägt und zielten vorrangig auf den Schutz der eigenen Lebensumgebung ab, gelangt in Brokdorf die Auseinandersetzung um die Atomkraft auf eine grundsätzlichere Ebene: Sie entwickelt sich zu einer Rebellion gegen das kapitalistische System und gegen den „Atomstaat“. Weite Teile vor allem der städtischen und studentischen Bewegung verschmelzen die Ökologie- mit der Systemfrage.

Ende 1976 verfügt das Verwaltungsgericht Schleswig einen Baustopp für Brokdorf, er wird später vom Oberverwaltungsgericht bestätigt und dauert vier Jahre. „Richtersprüche machen Atomkraftwerke auch nicht sicherer“, hält die Anti-Atom-Bewegung dagegen. Trotz beispielloser Hetze und dem Heraufbeschwören einer „Schlacht um Brokdorf“ in den Medien – die Bild fantasiert den von den „Chaoten“ zu Propagandazwecken einkalkulierten Tod von Demonstranten herbei – und trotz Versammlungsverbots findet am 19. Februar 1977 die bis dahin größte Demo gegen das AKW statt. 50.000 Menschen ziehen Richtung Bauplatz – und kehren nach einer Kundgebung an der ersten Polizeisperre wieder um. Die Massen folgen dem Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW), der zum „Schleifen der Festung“ aufruft, nicht.

In den Kämpfen um Brokdorf haben die damals starken „K-Gruppen“ ihre Liebe zur Anti-AKW-Bewegung entdeckt. Sie sehen in den überall neu entstehenden und wachsenden Initiativen ein ideales Propaganda- und Rekrutierungsfeld. Manch hart gesottener K-Grüppler etwa aus dem KBW oder der Abspaltung „Gruppe Z“ des Kommunistischen Bunds (KB) hält sich indes gar nicht lange in der Bewegung auf, sondern marschiert gleich weiter in die sich Ende der 1970er Jahre formierenden grünen und bunten Listen – die Vorläufer der Grünen.

Am 28. Februar 1981 protestieren schließlich 100.000 Menschen in der Wilstermarsch gegen das Auslaufen des Baustopps. Ein gewaltiges Polizeiheer mit Hubschraubern und Wasserwerfern empfängt die Demonstranten. Es folgen stundenlange Auseinandersetzungen, es gibt zahlreiche Verletzte und Verhaftete.

Wenige Tage später veröffentlicht der Stern ein Foto: Es zeigt drei AKW-Gegner, die einen in den Wassergraben gestürzten Polizisten verprügeln. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes, zwei Männer werden verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Die juristische Auseinandersetzung um das Demonstrationsverbot mündet im Mai 1985 im Brokdorf-Beschluss des Bundesverfassungsgerichts. In seinem Urteil trifft das Gericht weitreichende Aussagen zur Bedeutung der Versammlungsfreiheit, es erarbeitet Begriffe wie Eilversammlung und Spontanversammlung und betont ausdrücklich, dass Bürokratie und Protest sich nicht gut vertragen und dass es „seit jeher als Zeichen der Freiheit, Unabhängigkeit und Mündigkeit des selbstbewussten Bürgers galt, sich ungehindert und ohne besondere Erlaubnis mit anderen zu ­versammeln“.

Zehntausende machen sich am 7. Juni 1986 erneut auf dem Weg nach Brokdorf. Erst wenige Woche davor ist im ukrainischen AKW Tschornobyl der Reaktor Nummer 4 explodiert, eine radioaktive Wolke hat sich über halb Europa ausgebreitet. Die Demonstration wird von der Polizei zerschlagen. Den Hamburger Konvoi – acht Kilometer lang, mehr als 10.000 Leute – überfallen die Beamten schon auf dem Hinweg. Sie schlagen bei mehr als hundert Fahrzeugen die Scheiben ein, zerstechen die Reifen, brechen die Kofferräume auf oder schieben die Autos gleich ganz in den Graben. Die Straße bei Kleve, das zeigen viele Fotos, gleicht damals einem Schrottplatz.

Am 7. Oktober 1986 geht das Atomkraftwerk Brokdorf schließlich in Betrieb, als erstes in Europa seit Tschornobyl. Ausgerechnet Brokdorf!

Es ist, zumindest gefühlt, eine der schlimmsten Niederlagen der Anti-AKW-Bewegung. Manche Aktivisten resignieren, arrangieren sich mit dem Kraftwerk, wenden sich anderen politischen Themen zu oder ziehen sich ins Privatleben zurück.

Am 7. Oktober 1986 geht das Atomkraftwerk Brokdorf in Betrieb, als erstes in Europa seit Tschornobyl

Andere, wie der Meteorologe Karsten Hinrichsen, leisten weiter Widerstand. Der heute 83-Jährige hatte sich als wissenschaftlicher Beistand schon der Klägergruppe angeschlossen, die 1976 den vierjährigen Baustopp vor Gericht erzwang. Hinrichsen, der im Dorf Brokdorf in einem schmucken Häuschen direkt am Deich lebt, klagt nach der Inbetriebnahme selbst, zieht durch alle Instanzen – und verliert nach 13 Jahren schließlich vor dem Oberverwaltungsgericht Schleswig.

Trotzdem machte Hinrichsen weiter. Er organisiert Mahnwachen, nach der Nuklear­katastrophe von Fukushima in Japan 2011 gründet er die Aktions­gruppe „Brokdorf Akut“ mit. Diese organisiert bis zur endgültigen Abschaltung des AKWs Ende 2021 Mahnwachen und Kundgebungen. Im September 2025 übergibt Hinrichsen mehrere Kartons mit Flugblättern, Protokollen und anderen Dokumenten aus der jahrzehntelangen Protestgeschichte dem „Archiv Deutsches Atomerbe“ in Braunschweig.

Als wir zurück sind in Wewelsfleth, ist es dunkel geworden. Nur im Nordwesten, wo das AKW von Scheinwerfern angestrahlt wird, leuchtet es noch hinterm Deich. Das Atomkraftwerk bleibt für immer abgeschaltet, doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Konflikte gibt es vor allem um den Verbleib von Hunderten Tonnen Bauschutt und Reststoffen, die als nicht oder nur gering belastet gelten und nach sogenannter Freimessung auf Deponien landen. Weil keine Deponie den Schrott freiwillig aufnehmen wollte, hat das Land Schleswig-Holstein das Material aus Brokdorf einer Halde bei Harrislee nahe der dänischen Grenze ­zugewiesen.

Auf dem Betriebsgelände des AKWs plant der Betreiber PreussenElektra den Bau des europaweit größten Batteriespeichers für Windstrom. Er soll überschüssige Windenergie zwischenspeichern, um das Stromnetz bei Flaute oder ­Überlastung zu stabilisieren und das ­Abschalten von Windrädern verhindern.