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INTERVIEW„Die FLN spielt auf Zeit“

■ Die algerische Wissenschaftlerin Tassadit Yacine zur aktuellen Auseinandersetzung in ihrer Heimat

taz: Vorgestern sah es noch so aus, als könnte in drei Wochen zum ersten Mal in der arabischen Welt ein Regime auf demokratischem Weg abgesetzt werden. Weshalb wollte die Islamische Heilsfront (FIS), die ja im letzten Jahr die Kommunalwahlen gewonnen hat, diese Chance nicht wahrnehmen?

Tassadit Yacine: Die Islamisten kämpfen nicht für Demokratie. Aber wenn sie sicher gewesen wären, die Wahlen zu gewinnen, hätten sie sich nicht für einen Boykott ausgesprochen. Was sie wollen, ist die Demission des Regimes, um selbst die Macht zu übernehmen — und zwar im Namen des islamischen Gesetzes. Sie würden also alle demokratischen Parteien ausschalten.

Aber wenn Sie annehmen, die regierende FLN hätte die Wahlen gewonnen, weshalb wurden diese dann so vorschnell einfach auf ein unbekanntes Datum verschoben?

Die FLN war sich ihres Wahlsieges auch nicht sicher. Sie will Zeit gewinnen. Die FIS soll sich bei ihrer Politik auf Gemeindeebene verschleißen. Die FLN wird inzwischen Reformen vorschlagen und Bündnisse mit den demokratischen Kräften suchen.

Haben die Militärs Druck ausgeübt, um eine Verschiebung der Wahlen zu erreichen?

Ja, das stimmt zumindest teilweise. Die FIS ist zwar gut organisiert und bereit, aufs Ganze zu gehen, aber sie weiß auch, daß die Armee das Regime unterstützt.

Würde denn die Armee eine demokratisch gewählte islamistische Regierung akzeptieren?

Nein, das glaub' ich nicht.

Das heißt, die Armee würde in diesem Fall putschen...

So weit will ich nicht gehen. Was ich sagen kann, ist, daß die FIS die Existenz der Armee selbst in Frage stellt. Die Armee nimmt in Algerien wie auch anderswo in der Dritten Welt einen sehr privilegierten Platz im System ein.

Die Polarisierung Algeriens zwischen FLN und FIS scheint die demokratische Opposition, die ja vor allem in der von Berbern bewohnten Region Kabylei stark ist, an die Wand zu drücken...

Die FLN hat keine Lust, Macht abzugeben, die FIS aber hat außer billigen Slogans nichts zu bieten, sie profitiert nur von der Armut des Volkes. Für die demokratische Opposition stellt sich die Frage, wie sie mit der FLN zusammen eine Demokratisierung durchsetzen kann. Wenn sie aber das Bündnis mit der FLN sucht, verliert sie ihre eigene Basis.

Und wie geht es nun weiter?

Wichtig ist, daß die Armee die Ordnung aufrechterhalten kann, ohne Leute zu töten, ohne daß es zu Massakern kommt. Die Demokraten müssen nicht die Menschen bekämpfen, sondern gewisse Ideen. Interview: Thomas Schmid

Tassadit Yacine arbeitet als Anthropologin in Paris

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