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I N T E R V I E W Indizien für eine verfehlte Atompolitik

■ Der britische Statistiker und Sellafield–Spezialist, John Urquhart, über erhöhte Krebsraten in der Nähe von Atomanlagen

taz: In den letzten Wochen sind drei verschiedene Studien zum Thema: Leukämie im Umkreis von Atomanlagen veröffentlicht worden. Was folgt aus den Ergebnissen? Urquhart: Wir haben in Großbritannien nun drei Bombenfabriken mit einer nachgewiesenen überproportionalen Leukämierate in ihrem Umkreis. Die Behauptung, hier bestehe „keinerlei Verbindung“, läßt sich nicht länger aufrechterhalten. Wie können die Ergebnisse solcher Studien so unterschiedlich interpretiert werden? Die vorherrschende Theorie über den Zusammenhang zwischen Atomkraft und Krebserzeugung geht von viel höheren radioaktiven Werten für den jetzt festgestellten Effekt aus. Aber man weiß nicht alles über die möglichen Auswirkungen gering radioaktiver Strahlung und nicht genau, wieviel Radioaktivität überhaupt freigesetzt wurde. Ist eine Verbindung zwischen den Atomanlagen und Krebsraten zu beweisen? Das ist sehr schwierig, erstens wegen der Geheimhaltungspolitik der Atomindustrie, zweitens, weil den Universitäten und Forschungseinrichtungen Mittel fehlen; drittens, weil die Messungen prinzipiell in den Händen der Atomindustrie selbst liegen. Nach dem englischen Gesetz kann jemand auch ohne den Fund der Leiche wegen Mordes verurteilt werden. Und die Indizienkette für eine positive Verbindung zwischen Atomanlagen und überhöhten Krebsraten in ihrem Umkreis reicht längst aus, eine Kehrtwendung in der Atompolitik zu rechtfertigen.

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