Hessen-Wahl entscheidet Zukunft Ypsilantis: Der Mülleimer der Nation

Niemand ist in den letzten Monaten so attackiert worden wie SPD-Politikerin Ypsilanti. Nun braucht sie ein Wunder, um die Wahl in Hessen am Sonntag politisch zu überleben.

"Ich habe schon oft in meinem Leben neu angefangen": Andrea Ypsilanti (SPD). Bild: dpa

FRANKFURT taz Es ist Dienstag, 11 Uhr vormittags. Andrea Ypsilanti sitzt im engen, fensterlosen Raum der Schülermitverwaltung der Schule am Ried in Bergen-Enkheim und wartet. Hier, im Frankfurter Norden, ist sie Direktkandidatin. Heute sollen sich die Parteien den Oberstufenschülern vorstellen. Nur sie ist pünklich zur Vorbesprechung da. Die anderen Kandidaten kommen zu spät, Janine Wissler von der Linkspartei hat Wichtigeres zu tun und schickt eine Vertreterin.

Der Wahlkreis 39 ist eigentlich fest in CDU-Hand. 2008 hat Ypislanti trotzdem das Direktmandat erobert. "Das wird diesmal schwierig" sagt sie und schaut tapfer.

Die Schüler haben 150 Fragen aufgeschrieben. Es geht viel um G 8, das Abitur nach 12 Schuljahren, das Koch durchgesetzt und damit viele Eltern auf die Barrikaden getrieben hat. Sie klatschen bei dem FDP-Mann, der G 8 richtig findet, sie klatschen bei der Linkspartei-Vertreterin, die G 8 abschaffen will. Sie sind ein äußerst höfliches Publikum. "G 8 ist Oberstress. Ich haben einen 13-jährigen Sohn, ich weiß das" sagt Ypsilanti. Da klatschen die Schüler doch ein kleines bisschen mehr. Weil sie ohne die üblichen Politformeln redet und irgendwie echt wirkt. "Stehen Sie am Sonntag rechzeitig auf und gehen Sie wählen", sagt sie am Ende.

Am Montag hat Ypsilanti im Wahlkampf Hausbesuche gemacht. Einfach war das nicht. In vielen Medien wird sie seit Monaten als unfähige, umoralische machtbesessene Lügnerin dargestellt. Laut Umfragen wollen auch Zweidrittel der SPD-Wähler in Hessen, dass sie zurücktritt. Sie ist eine Art Mülleimer der Nation. "Alles, was wir noch haben, sind unsere Inhalte", sagt sie. "Das interessiert die Leute noch."

Am Abend steht sie im zugigen Saal im Goldenen Löwen in Darmstadt-Arheiligen. "Die Zeit ist reif" steht auf einem Plakat hinter ihr. Das Foto darauf zeigt Andrea Ypsilanti, die sehr jung und sehr optimistisch aussieht. Es ist aus dem letzten Wahlkampf übrig geblieben.

Achtzig Genossen sind gekommen, um den örtlichen SPD-Kandidaten zu unterstützen - und wegen ihr. 80 ist nicht überwältigend, aber auch nicht katastrophal für einen Dienstagabend bei minus zehn Grad. Als ihr Name fällt, applaudieren die Genossen trotzig und energisch. Das Zerrbild von Ypislanti - machthungrig, skrupellos und unfähig - gibt es draußen, im Spiegel und in Bild. Hier im Goldenen Löwen ist sie die Genossin Andrea, die von der Basis geschätzt wird wie kaum sonst jemand. Zweimal steht sie auf und lächelt, froh und eins mit sich selbst.

Ypsilanti trifft noch immer den Ton. Sie ist keine glänzende Rhetorikerin. Aber sie kann komplexe Themen in klaren Sätzen schwungvoll ausdrücken. Sie sagt, dass es ein Skandal ist, dass in Hessen Kinder schon in der dritten Klasse in Gymnasium und Haupstschule selektiert werden. "Kein Kind darf zurückbleiben", ruft sie. Das versteht jeder. Dafür lieben die Genossen sie, noch immer. Sie ist keine Intellektuelle, eher eine Übersetzerin. Sie transformiert komplexe politische Themen ins Alltägliche, Lebenspraktische. Und sie vermittelt der Partei, die vor allem seit der Agenda 2010 nicht mehr weiß, wofür sie eigentlich steht, das Gefühl, dass klar ist, wo es lang geht. Sie entwirft die Vision von einer besseren Welt. Das kann sie - handfest und ohne weltfremd zu wirken. Diese Fähigkeit war der Treibstoff für ihren Aufstieg.

Und für ihren Abstieg. Ypsilanti ist sich in ihrer Selbstwahrnehmung treu geblieben. Sie wollte immer das gleiche: Energiewende, bessere Bildung, mehr Gerechtigkeit. Deshalb hat sie, gegen ihr Versprechen, mit der Linkspartei kooperiert. So ganz versteht sie bis heute nicht, warum sie in ein paar Monaten von einer leuchtenden Hoffnung der SPD zum Synonym für alles Grauen in der Politik geworden ist. Im Spiegel steht, dass sie Thorsten Schäfer-Gümbel seinen Erfolg missgönnt, dass sie an ihren Amt klebt und ihren Dienstwagen behalten will. Dabei hat sie die Macht um der Macht willen nie interessiert. Sie war fixiert auf " die Inhalte", die sie wie ein Mantra vorträgt. Sie wollte zu schnell zu viel. Dabei hat sie ihr Kapital, ihre Glaubwürdigkeit, verspielt. Das ist ihr Drama, nicht Machtversessenheit. Jetzt geht es ihr wie Kurt Beck: Sie ist die Verliererin. Jeder darf sie in den Medien bashen, Belege braucht man nicht. Richtig machen kann sie sowieso nichts mehr. Das mediale Dauerfeuer hat sie mitgenommen. Ihr innerer Schutzwall ist löchrig geworden. Im Berliner Willy Brandt Haus kursieren böse Erzählungen über sie. Etwa, dass sie ohne die Männer an ihrer Seite, ohne Hermann Scheer und ihren Generalsekretär Norbert Schmitt, sowieso erledigt ist.

Warum dieser Absturz? Wir sitzen in einem Bistro in Bad Vilbel. Kein Tuscheln am Nebentisch, kein verwunderter Blick des Kellners. Offenbar hat man sich in Hessen an die Allgegenwart von Politikern im Wahlkampf gewöhnt. "Es sind noch 40 Prozent unentschlossen, und dabei sind viele SPD Wähler", sagt sie hoffungsfroh. Doch wenn die SPD am Sonntag unter 30 Prozent bleibt, wird jemand für die Niederlage verantwortlich gemacht werden - sie. Das ist das Gesetz des Betriebs.

Sie braucht ein kleines Wunder, um den 18. Januar politisch zu überleben. Das sagt sie nicht in die Mikrophone missgünstiger Journalisten. Aber sie weiß es. "Ich habe schon oft in meinem Leben neu angefangen", sagt sie. Und lacht.

Am Sonntag wird die Machtmaschine Koch wohl triumphieren, Ypsilanti wird wohl untergehen. Sie wird fehlen.

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