Hedwig Richter gibt Antworten: Was hat Ihr Denken beeinflusst?

Von Lehrern, Lady Gaga und gefährlichen Gedanken – die Historikerin Hedwig Richter füllt den taz FUTURZWEI-Fragebogen aus.

Foto: Alena Schmick

Der neue taz FUTURZWEI-Fragebogen (with a little help from Max Frisch, Fischli/Weiss und NYT Book Review)

Was hat Ihr Denken beeinflusst, Hedwig Richter?

Meine Großfamilie, die exzessive Bibel-Lektüre als Kind und Teenager. Und die deutschen Verbrechen im Nationalsozialismus.

Wer hat Ihr Denken beeinflusst?

Viele. Zum Beispiel meine Grundschullehrerin, die Deutsch-, Philosophie- und Geschichtslehrerinnen und -lehrer am Gymnasium und mein Lehrer an der Universität, der Germanist Hans-Jürgen Schings.

Ihre Lieblingsdenkerin, die sonst niemand kennt?

Annette C. Baier

An welchem gefährlichen Gedanken denken Sie rum?

Ist in ökonomischer Hinsicht tatsächlich Ungleichheit das Problem und nicht vielmehr Armut – und übersehen nicht viele, weil sie von westlichen Denktraditionen her so sehr auf Ungleichheit fixiert sind, die eigentlichen Probleme?

Welche Diskussion ist komplett festgefahren?

Krise der Demokratie

Welche Position langweilt sie?

Alles, was »Neoliberalismus« im Munde führt.

Welche drei Menschen der Zeitgeschichte würden sie zu einem Abendessen einladen wollen?

Lady Gaga, Brigitte und Emmanuel Macron

Wen finden Sie gut, obwohl Ihre Peergroup ihn oder sie blöd findet?

Hölderlin (sorry, not sorry)

Welche drei Bücher würden Sie als Deutschlehrer/-in lesen lassen?

Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen; Marx und Engels: Das Kommunistische Manifest; Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Alle drei beziehen aus der deutschen Sprache eine verblüffende, hinreißende Kraft.

Welche Künstler/-innen sind auf der Höhe der entscheidenden Fragen?

Die Architektin Anna Heringer und der Bildhauer El Anatsui.

Die überschätzteste Figur der Gegenwart überhaupt.

Slavoj Žižek, aber das macht das Phänomen auch so lustig.

Warum scheuen Linke den Humor?

Weil sie an das glauben, was sie denken? Wobei der Mangel an Selbstrelativierung ja nicht nur auf Linke zutrifft.

Wissen Sie, was Sie hoffen?

Hoffen ist meine Kernkompetenz.

Findet Sie das Glück?

Aber ja.

Wem wären Sie lieber nie begegnet?

Verrate ich nicht.

Wann haben Sie aufgehört zu glauben, dass Sie klüger werden (oder glauben Sie es noch)?

Ich bin doch eine altmodische Aufklärerin und hoffe immer darauf, noch was zu lernen.

Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder nein?

Da ich in einer Demokratie lebe, wäre ich auf die eine oder andere Weise durch das Volk ermächtigt – und ja, selbstverständlich würde ich es befehlen, dafür hätte ich das Mandat.

Wenn Sie und alle, die Sie kennen, tot sind – interessiert Sie dann die Weiterexistenz der Menschheit noch?

Aber ja: Die Freiheit soll siegen!

Lernen Sie von einer Liebesbeziehung für die nächste?

Ich lerne lieber innerhalb meiner Liebesbeziehung.

Worum geht es im Leben eigentlich?

Um die Liebe? Vermutlich schon.

Gibt es zu viel des Guten?

Ganz klar: Ja.

Wie alt möchten Sie werden?

Bis ich lebenssatt bin.

Es gibt nur Gangster oder Trottel. Was sind Sie dann?

Trottel natürlich.

Hedwig Richter ist Geschichtsprofessorin. Sie kommt aus Bad Urach und lebt in Berlin.

Dieser Beitrag ist im Juni 2022 in taz FUTURZWEI N°21 erschienen.

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