Handball-WM in Kroatien: Brand beschwört Potenzial

Trotz eines in letzter Sekunde verpassten Halbfinales ziehen die deutschen Handballer eine positive Bilanz der Weltmeisterschaft. Das Team glaubt nun, jeden Gegner schlagen zu können.

Sein Tor in letzter Sekunde bedeutete das Aus für die deutsche Mannschaft: der polnische Nationalspieler Artur Siodmiak . Bild: reuters

WM in Kroatien, Hauptrunde, Gruppe 1: Ungarn - Südkorea 28:27, Slowakei - Schweden 26:27, Frankreich - Kroatien 19:22, Tabelle: 1. Kroatien 10:0 Punkte, 2. Frankreich 8:2, 3. Ungarn 5:5, 4. Schweden 4:6, 5. Slowakei 3:7, 6. Südkorea 0:10,

Gruppe 2: Mazedonien - Serbien 28:32, Deutschland - Dänemark 25:27, Polen - Norwegen 31:30, Tabelle: 1. Dänemark 8:2, 2. Polen 6:4, 3. Deutschland 5:5, 4. Serbien 5:5, 5. Norwegen 4:6, 6. Mazedonien 2:10,

Halbfinale: Dänemark - Frankreich, Kroatien - Polen (Freitag, 17:30 und 20.30 Uhr)

Knapp war es. Fast hätte sich die deutsche Handball-Nationalmannschaft doch noch für das Halbfinale der 21. Weltmeisterschaften in Kroatien qualifiziert, trotz der 25:27-Niederlage im letzten Hauptrundenspiel gegen Dänemark. Bis zwei Sekunden vor Schluss stand es Remis im letzten Spiel zwischen Norwegen und Polen, dieses Ergebnis hätte das Team von Heiner Brand gereicht. Doch dann schnappte sich Artur Siodmiak den Ball und warf ihn über das ganze Feld ins leere Tor, und Polen erreichte die Runde der letzten vier.

Brand grämte sich am nächsten Tag keineswegs darüber, er empfand diese Szene vielmehr als logisch. Er habe "nie daran geglaubt", erklärte der 56-Jährige Gummersbacher gestern im Mannschaftsquartier in Zadar. "Das hätte nicht in dieses Turnier gepasst, das ist folgerichtig gelaufen." Dass der Titel, den das Team im Februar 2007 in Köln gewonnen hatte, nun verloren ist, das schien ihn nicht mehr allzu sehr zu stören.

Sie hatten einfach nicht das Momentum auf ihrer Seite gehabt, das nötig ist, um in einem solch hochkarätigen Turnier weit vorzustoßen. Irgendwie schien sich in der Hauptrunde alles gegen den Titelverteidiger verschworen zu haben. Da war zunächst der Gegentreffer in letzter Sekunde zum 35:35 gegen Serbien. Dann diese letzten 18 Sekunden bei der 24:25-Niederlage gegen Norwegen, in denen Christian Schöne zweimal von den slowenischen Schiedsrichtern zurückgepfiffen wurde und das Team keinen Torwurf mehr abgeben konnte. Skandal, wüteten die Spieler und auch die Öffentlichkeit, doch die Schlussphase im letzten Spiel gegen Dänemark (25:27) krönte das Ganze noch, als der Gegner in der Schlussphase eine Zweiminutenstrafe herunterspielen konnte, ohne passives Spiel gepfiffen zu bekommen. Die Profis verspürten vor dem Spiel um Platz fünf gegen Ungarn (heute 15 Uhr, live bei RTL) allerdings wenig Lust, sich weiter über desaströse Auftritte der Referees aufzuregen. "In der Hauptrunde waren wir manchmal zu ungeduldig, da fehlte uns in den entscheidenden Momenten die Cleverness. Da hätten wir uns den fehlenden Punkt holen müssen", übte der Hamburger Torsten Jansen Selbstkritik. "Wir wissen selbst, dass wir auch viele Fehler gemacht haben", ergänzte Torwart Johannes Bitter, sein Klubkollege, der das Team aber gerüstet sieht: "Wir haben gelernt, dass wir jede Mannschaft schlagen können, wenn wir die richtige Einstellung haben."

Brands Bilanz fiel ebenfalls positiv aus. Das Traineridol bescheinigte seiner Mannschaft ein "gutes, teilweise sensationelles Auftreten". In der Tat überraschten viele junge Profis bei ihren WM-Debüts mit ihrem beherzten und selbstbewussten Auftritt. Nicht nur der Großwallstädter Michael Müller, der erst seit eineinhalb Jahren in der Bundesliga spielt, überraschte die Experten. Als nachgerade sensationell darf man die Entwicklung des Lemgoers Martin Strobel bezeichnen, der den verletzten Klubkollegen Michael Kraus in den letzten zwei Spielen gegen Norwegen und Dänemark herausragend vertrat. Aber auch Kreisläufer Sebastian Preiß, der lange im Schatten des großen Christian Schwarzer gestanden hatte, machte große Fortschritte.

Brand verband die Bilanz mit einem weiteren Appell. Die WM habe gezeigt, dass ein großes Potenzial im Handballsport stecke, so der Gummersbacher, nun müsse aber auch jeder Akteur bereit sein, etwas für den Sport zu tun. "Auch die Schwenkers und Holperts sind gefragt", forderte Brand die Klubmanager des THW Kiel oder der SG Flensburg-Handewitt erneut öffentlich dazu auf, sich vermehrt der Jugendarbeit zu widmen. "Alle müssen sich engagieren, damit wir wieder eine Supermacht werden", glaubt Brand, andernfalls sei der hohe Stellenwert des deutschen Handballs, der sich durch gute TV-Quoten äußerte, nicht zu halten. Die Partie gegen Dänemark hatten in der Spitze über 10 Millionen Zuschauer bei RTL verfolgt, was einem Marktanteil von gut 36 Prozent entspricht.

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