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„Hab' Mutti ins Jenseits befördert“

■ Reportage: „Zwischen Angst und Abschied – Altenselbstmord in Deutschland“, Samstag, 13.30, ARD

Seine letzten Worte sprach der 76jährige Rentner Peter Gerloff auf den Anrufbeantworter seiner Tochter. „Liebe Teenie, wir haben beschlossen, Schluß zu machen. Uns geht es gesundheitlich beiden sehr schlecht. Ich hab' die Mutti schon ins Jenseits befördert und werde jetzt denselben Schritt vornehmen.“

Bevor der Vater seine Frau erschoß, hatten die beiden ein letztes Mal Kaffee getrunken. Sie hatten die Tassen gespült, die Schuhe parallel gestellt. Dann war Marga Gerloff in die Badewanne geklettert, damit ihr Blut keine Flecken auf dem Teppich hinterläßt. Als sie tot war, diktierte Peter Gerloff seinen Abschiedsgruß an seine Tochter: „Der Hausschlüssel liegt unter der Matte. Die Papiere hat Mutti bereitgelegt. Gehab dich wohl, tschüschen, auf Wiedersehen.“

In fünf Zeilen berichteten die Zeitungen über den Tod des Rentnerehepaars. Der Berliner ARD- Reporter Klaus Scherer ging dem Fall nach – und stellte fest, daß der Doppelselbstmord kein Einzelfall ist: Die Zahl der Altenfreitode in Deutschland steigt dramatisch. Schon jetzt sind mehr als ein Drittel aller Selbstmörder über 60 Jahre alt, die Dunkelziffer ist hoch, seit die Rubrik „plötzlicher Tod aus ungeklärter Ursache“ erfunden wurde. Eine Studie der Bundesregierung geht von einer weiteren Zunahme der Altenselbstmorde aus. Ein gesellschaftliches Drama will Staatssekretärin Roswitha Verhülsdonk darin aber noch nicht erkennen.

Doch die Reportage zeichnet ein alarmierendes Bild: Kaum daß die Werbe- und Marketingstrategen die steigende Zahl alter Menschen als kaufkräftige Zielgruppe entdeckt haben, bringen sich immer mehr der potentiellen Kunden um – aus Angst vor Altersarmut, Einsamkeit, Krankheit. Dem medizinischen Fortschritt, die Lebenszeit zu verlängern, steht keine adäquate soziale Entwicklung gegenüber. „Mehr Jahre sind nicht automatisch gewonnene Jahre“, sagt ein Altersforscher.

Die stille Angst der Alten, Scherer begegnet ihr in Pflegeheimen ohne Einzelzimmer; er findet sie in Abschiedsbriefen, in Gesprächen mit der Polizei, mit Angehörigen, mit Telefonseelsorgern, bei Gerichtsmedizinern und der Wasserschutzpolizei. Die Antworten sind beklemmend. „Die Angst sitzt im Körper, macht einen schlapp und elend.“

Sensibel und ohne Sensationssucht hat sich die Reportage dieser Angst genähert. Scherer verläßt sich auf die Wirkung der nüchternen, fast trockenen Beschreibung – mit Erfolg. Der Film rüttelt auf, ohne zu agieren, ohne auch nur zu fordern. Und hätte – auch weil es früher oder später alle betrifft – einen prominenteren Sendeplatz verdient. Michaela Schießl

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