Haarige Gedanken: Und das war alles
■ Aus der lehrreichen, erbaulichen Lebensbeichte des Huckelrieder Friseurmeisters Bruno Jablonski – 7. Folge: Warum Friseurbesuche zuweilen der Seele gut tun
Auch im tristesten Alltagsleben gibt es hin und wieder Momente der Transzendenz, Momente, in denen das Sprechen aufhört und das Sein wie eine Pflanze den Asphalt des Scheins durchdringt. Momente, die in ihrer klaren Eindringlichkeit und Unschuld ungeheure Lebendigkeit beinhalten und die in mir die Vermutung laut werden lassen, dass der Film des Lebens, der kurz vor dem Tod abläuft, nur eine Collage aus diesen Momenten sein kann.
Gelegentlich traten Kunden mit ungewöhnlichen Wünschen an mich heran. Bodybuilder erkundigten sich verlegen nach der Möglichkeit einer Intimrasur; junge Mädchen, die im Fernsehen aufgeschnappt hatten, dass frau die Achselhaare in diesem Sommer halblang trägt, ersuchten mich um die fachgerechte Stutzung ihres Wildwuchses. Auf ganz andere Weise ungewöhnlich war jedoch der Wunsch jener Kundin, von der ich heute erzählen möchte.
Vor einiger Zeit kam eine blasse, schöne Frau mit tiefen Augenringen in meinen Salon. Sie hatte ihre kleine Tochter dabei, vielleicht fünf Jahre alt, die ihr bereits sehr ähnlich sah. Ein lebhaftes Kind, das sich sofort daran machte, das Inventar meines Salons neugierig zu inspizieren. Ich erkannte auf den ersten Blick, dass die Frau eine Perücke trug. Ein ihrem Typ entsprechendes Modell, professionell angepaßt – ein weniger geschultes Auge als das meine hätte nicht erkannt, dass es sich um einen Haarersatz handelte.
Sie setze sich auf den Frisierstuhl und nahm die Perücke ab. Darunter war sie völlig kahl. Sie erzählte mir, dass ihr die Haare aufgrund einer Chemotherapie ausgegangen seien. Dass sie damals, als sie noch nicht kahl war, immer so gerne zum Friseur gegangen sei. Und dann fragte sie mich, ob es möglich wäre, dass ich so tun würde, als ob ich ihr die Haare schnitte. Ich bejahte.
Ich wusch ihr den Kopf, trocknete ihn ab, ließ dann die Schere links und rechts und über ihr ins Leere schnippen, wobei ich ab und an vorsichtig mit dem Kamm ihre Kopfhaut berührte. Zum Abschluss fönte ich sie. Während des gesamten imaginären Frisiervorganges hielt sie die Augen geschlossen und sprach kein Wort. Ich wusste nicht, ob sie ein glückliches Leben führte, ich wusste nicht, ob sie bald sterben würde. Ich wusste nichts von ihr, außer dass sie in meinem Frisierstuhl saß und leise lächelte. Ihre Tochter saß in dem anderen Frisierstuhl, schaute ernst in den Spiegel und kämmte sich unablässig die Haare, ganz versunken in dieser Tätigkeit. Und das war alles. Tim Ingold
Es sei hier an den heutigen Einsendeschluss des Preisausschreibens erinnert, welches Herr Jablonski in der letzten Woche angekündigt hat!!
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