■ Großdemonstrationen gegen die Sezession Oberitaliens: Gesucht: ein italienischer Tony Blair
Natürlich darf man sich durch die bloßen Zahlen nicht täuschen lassen: Eine Million Teilnehmer einer Demonstration sind in Italien nicht ungewöhnlich. Linke wie Rechte, Gewerkschaften und sogar Lehrerverbände bringen Hunderttausende auf die Straße. Unter diesem Aspekt sagen die Kundgebungen in Mailand und Venedig zugunsten der Einheit Italiens, gegen den Sezessionismus der Lega Nord, nicht allzu viel aus.
Jedenfalls ist die Frage, die die scheel angesehene Lega Nord mit ihrer Abspaltungsforderung stellt, nicht einfach durch Wegsehen und durch folkloristisch aufgemotzte Gegendemos aus der Welt zu schaffen. Immer deutlicher zeigt sich ja, daß nicht nur im Ostblock, sondern auch im Westen die bisherigen politischen Zentralen nicht mehr imstande sind, ihre Territorien noch sinnvoll zu regieren und weiterzuentwickeln. Das entstehende Großeuropa mit seinen entrückten Institutionen wird auch nicht gerade dazu beitragen, die Bürger wieder näher an den Staat und die Verwaltungen heranzuführen.
Läßt man das in Italien sowieso schnell ins Operettenhafte abgleitende Beiwerk der „Keltischen Republik der Poebene“, von der Lega-Chef Bossi faselt, ebenso weg wie dessen gelegentlich rassistischen Töne (die sich übrigens mehr auf die eigenen Landsleute aus dem Süden als die Zuwanderer aus der Dritten Welt beziehen), so will die Lega vor allem eine massive Kompensation des politischen Zentralismus. Und bisher scheint der einzige durchführbare Ausgleich tatsächlich in einer Stärkung regionaler Kompetenzen zu bestehen. Tony Blair hat dies sofort erkannt und rasch mit den beiden Referenden in Schottland und in Wales dem Unmut die Spitze genommen. Italiens Politiker dagegen sind gewohnt, erst dann zu handeln, wenn das Haus bereits brennt. Und dann ist die Frage, ob Maßnahmen, die heute noch greifen würden, eine radikale Entwicklung noch aufhalten werden.
Allerdings: Auf Dauer wird auch eine starke Autonomie der Regionen keine Entlastung der Situation bringen, sofern man diese Regionen noch immer innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen von heute definiert. Erst wenn sich übergreifende, grenzsprengende politische Einheiten bilden, die sich gegenseitig ergänzen und übergreifend durch gemeinsame Interessen bilden, könnten jene Gegengewichte geschaffen werden, ohne die das derzeitige Europa sich weiter zum bürgerfernen und damit auf Dauer lebensunfähigen Moloch entwickelt. Werner Raith
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