Glücksspiel in Texas

Der Sieg ist zum Scheißen nah

In Austin im US-Bundesstaat Texas gibt es sonntags nur eins: Chicken Shit Bingo im Little Longhorn Salon. Der Einsatz ist so billig wie ein Bier.

„Go shit on number 7!“ Bild: Rieke Havertz

AUSTIN taz | Klar, den Sonntagnachmittag auf der Couch mit der neuesten Staffel „House of Cards“ oder „Mad Men“ vergammeln, das kann man machen. Oder, ganz verrückt, zum Flohmarkt gehen. Wer allerdings in Austin,Texas, zu Besuch ist, sollte an einem Sonntagnachmittag im Little Longhorn Saloon vorbeischauen. Und zwar nur am Sonntag. Denn dann wird Bingo gespielt. Allerdings nicht Kreuzfahrt-langweilig, sondern Texas-Style: als Chicken Shit Bingo, Hühnerscheiß-Bingo.

Tierschützer, Veganer, Hühnerfreunde, bitte jetzt ganz ruhig bleiben. Den Tieren geht es gut. Sie dürfen tun, was sie immer machen: fressen, scharren und kacken. Einmal am Sonntag tun sie das in einem Käfig, auf dessen Boden in kleinen Quadraten Nummern geschrieben stehen.

Um den Käfig herum stehen dicht gedrängt leicht angetrunkene Texaner und Touristen und schreien Nummern. Aber das Huhn an sich ist erwiesenermaßen etwas stumpferer Natur und vergisst schnell. Und bei zwei bis drei Runden pro Nachmittag ist ein Huhn stets nur einmal mit dem öffentlichen Auftritt dran.

Nachdem der Tierschutzfaktor geklärt ist, zum Wesentlichen. Wäre es nicht fürs Hühner-Bingo – den Little Longhorn Saloon könnte man an der Durchgangsstraße außerhalb der Innenstadt fast übersehen. Eingereiht zwischen einem Bettengeschäft und einer Autowerkstatt, ist die Bar eine leicht schäbige Nachbarschaftskneipe. Zwei Häuser weiter ist ein Fast-Food-Laden für frittiertes Hühnchen.

Gedöns ist Umwelt, ist, was wir essen, wie wir reden, uns kleiden. Wie wir wohnen, lernen, lieben, arbeiten. Kinder sind Gedöns, Homos, Ausländer, Alte. Tiere sowieso. Alles also jenseits der „harten Themen“. Die taz macht drei Wochen Gedöns, jeden Tag vier Seiten. Am Kiosk, eKiosk oder direkt im Probe-Abo. Und der Höhepunkt folgt dann am 25. April: der große Gedöns-Kongress in Berlin, das taz.lab 2015.

Glückszahl 7

In Ginny’s Saloon, wie Stammkunden den Laden nennen, gibt es keine Küche, im Hof wird ab und an Gegrilltes oder Chili serviert. Ginny Kalmbach hat die Bar 1993 mit ihrem Mann übernommen, er hatte die Idee, neben Livemusik und Drinks das Chicken Shit Bingo anzubieten. Damit machte er den Laden zur Institution.

Das Bingo ist so billig wie das Bier, 2 Dollar kostet ein Ticket, die Nummern werden zufällig vergeben. Die Schlange ist lang, die Versuchung groß, einfach doch nur ein Bier zu trinken und zuzuschauen, aber Marc und Jack – regelmäßige Gäste – besorgen schnell noch ein Ticket für den Gast. Glückszahl 7.

Und so steht man schließlich auch schreiend um den Holzkäfig herum, wo Ginny die Hühner hereinträgt und den Gewinner ausruft. „Go shit on number 13!“, „Do it on the 5.“ Scheiß hierhin, nein hier! Im Hintergrund spielt eine Liveband Dolly Parton. Das Huhn lässt sich Zeit, pickt hier, scharrt dort. Eine gefühlte Ewigkeit steht es genau über der Nummer 7, der Sieg, er ist zum Scheißen nah. Aber dann wendet es sich ab. Der Sieg geht an jemand anderen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben