: Glückliche Bogside
Der nordirische Club Derry City wurde südirischer Fußballmeister ■ PRESS-SCHLAG
Ich habe noch niemals solche Emotionen in irgendeinem Fußballstadion der Welt gesehen“, sagte Jim McLaughlin, der Trainer der nordirischen Mannschaft von Derry City. Sein Team hatte soeben die Cobh Ramblers mit 2:0 besiegt und war zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte südirischer Meister geworden. Zwar bedurfte es der Hilfe des unsicheren Schiedsrichters, der bei den Abseitstoren von Derry City beide Augen zudrückte, doch verdient war die Meisterschaft allemal. Schließlich jagte die Mannschaft seit vier Wochen einem einzigen fehlenden Punkt nach.
Offenbar hatte man plötzlich Angst vor dem greifbaren historischen Ereignis bekommen und verschenkte zum Entsetzen der Fans sicher geglaubte Punkte. Am vorletzten Sonntag konnten die Sektflaschen nun endlich geöffnet werden. Die Cobh Ramblers lehnten die Einladung zur Meisterschaftsfeier dankend ab, da die Mannschaft durch die Niederlage zum Abstieg verurteilt wurde.
Derry City ist die erste Mannschaft, die sowohl die nordirische als auch die südirische Meisterschaft gewonnen hat. Der nordirische Titel liegt allerdings schon 24 Jahre zurück. Bereits damals waren Derrys Fans berühmt für den unglaublichen Lärm, mit dem sie das heimische Stadion am Brandywell in einen Hexenkessel verwandelten.
Dann kam der 11.September 1971. Während des ganzen Sommers hatte es Straßenschlachten zwischen der britischen Armee und der katholisch-republikanischen Bevölkerung gegeben. Die Polizei wagte sich schon lange nicht mehr in die katholischen Viertel Creggan und Bogside, wo auch das Fußballstadion liegt. Im August führte die britische Regierung die Internierungen ohne Haftbefehl ein, was die Stimmung noch mehr anheizte.
In dieser Situation kam die durch und durch protestantisch -loyalistische Mannschaft von Ballymena United zum Punktspiel nach Derry, das für die Gäste höchst unerfreulich endete. Ballymena verlor nicht nur das Spiel, sondern obendrein seinen Mannschaftsbus. Eine Gruppe Jugendlicher hatte das Fahrzeug geklaut und in Flammen aufgehen lassen. Zur Strafe durfte Derry City nicht mehr im Stadion am Brandywell spielen, sondern mußte ins 50 Kilometer entfernte Coleraine ausweichen.
Als der loyalistisch beherrschte Fußballverband die Verbannung auch ein Jahr später nicht wieder aufhob, zog sich Derry City vom Spielbetrieb zurück. Dreizehn Jahre lang wurde der Antrag auf Rücknahme der Platzsperre gestellt, Jahr für Jahr wurde er mit der Begründung abgelehnt, die Sicherheit im Stadion am Brandywell sei nicht gewährleistet. Erst 1985 bot die Erweiterung der südirischen Liga die Chance zum Neubeginn. Es wurde eine zweite Liga eingeführt, für die man noch Clubs suchte. So wurde die Bewerbung Derrys getreu dem Postulat eines vereinten Irlands mit Freuden akzeptiert.
Sofort strömten die Massen in das Brandywell-Stadion, und Derry City wurde im Handumdrehen zum Zuschauerkrösus Irlands. Im letzten Jahr gelang der Aufstieg in die erste Liga. Daß auf Anhieb die Meisterschaft errungen werden konnte, führte in Creggan und der Bogside zu wahren Begeisterungsstürmen. „Nach 20 Jahren Krieg hat Derry endlich mal einen Grund, sich zu freuen“, schrieb die „Irish Times“ gönnerhaft. Lediglich bei den Kneipenbesitzern wollte keine rechte Freude aufkommen, da die Fußballfans - völlig unirisch - ihr Geld nicht mehr in die Kneipen trugen, sondern sparten, um die Mannschaft bei Auswärtsspielen zu begleiten.
Zum höchsten Glück der Fans fehlt jetzt nur noch der Pokalsieg. Die Feier mußte verschoben werden, da das Endspiel am vergangenen Sonntag gegen Cork City unentschieden ausging und übermorgen in Dublin wiederholt werden muß.
Ralf Sotscheck
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