Gewalt unter Jugendlichen: Angst vor Vergeltung

Nach dem Tod eines 17-Jährigen in Reinickendorf rufen Freunde nach Rache. Am Samstag findet eine Trauerfeier statt. Polizei will "die Lage beobachten".

Blumen am Ort der Gewalttat. Bild: dpa

Die Wut von Freunden, Bekannten und selbst Unbeteiligten über den Tod des 17-Jährigen Cavit H. aus Reinickendorf ist groß. "Der tote Junge kann nie wieder lachen oder tanzen. Dafür gibt es für mich nur eine Strafe. Auge um Auge, Zahn um Zahn", schreibt eine Nutzerin auf einer für den Toten angelegten Seite im sozialen Netzwerk Facebook. Auch andere drohen mit Vergeltung: "Der Hurensohn soll verrecken", schimpft jemand. "Das ist die letzte Warnung. Unser Rückschlag ist längst in Planung", so ein weiterer Nutzer. Auch einige beschwichtigende Stimmen finden sich: "Keiner sollte sich irgendwie an jemandem rächen", wirft jemand ein. "Ihr tut weder Cavit noch der Familie einen Gefallen damit."

Am vergangenen Samstag war es im U-Bahnhof Wittenau zur Auseinandersetzung zwischen zwei Jugendgruppen gekommen. Der 17-jährige Cavit wurde dabei laut Polizei mit einem Messer in die Brust gestochen, er erlag kurz darauf seinen Verletzungen. Die Polizei nahm einen 15-jährigen Tatverdächtigen fest. Er wurde inzwischen in einer Einrichtung in Brandenburg untergebracht, die Ermittlungen laufen. Auslöser für den Streit soll der Polizei zufolge ein Schneeballwurf gewesen sein.

Freunde und Bekannte haben für Samstag um 18 Uhr eine Trauerfeier am Haupteingang des U-Bahnhofs Wittenau geplant. Angesichts der aufgeheizten Stimmung ist nicht auszuschließen, dass es am Wochenende erneut zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen kommt. Die Polizei habe Kenntnis von Ankündigungen auf verschiedenen Websites, sagt ein Sprecher der Behörde. "Wir beobachten die Lage und sind vor Ort für den Fall, dass etwas passiert. Wir planen aber keinen Rieseneinsatz."

Nach einem solchen Schock sei es normal, dass erst einmal die Wut ausbreche, findet Elvira Berndt. Sie ist Geschäftsführerin des Vereins Gangway, der mit fünf Straßensozialarbeitern Reinickendorfer Jugendliche betreut. Die Wut zeige die Ohnmacht und Hilflosigkeit der Jugendlichen. Berndt glaubt aber, dass sich die Situation bereits etwas entspannt. "Ich habe den Eindruck, dass der Tonfall gemäßigter ist, dass auch im Internet die Stimmen der Vernunft mehr werden", so ihre Beobachtung.

Die Sozialarbeiter des Vereins sind bereits seit längerem in Kontakt mit Jugendlichen aus den betroffenen Gebieten. Sie hätten nicht vorhergesehen, dass die Situation derart eskaliert, sagt Berndt. Der U-Bahnhof sei zwar schon länger ein Treffpunkt für Jugendliche gewesen. Aber "so ein Zusammenstoß hätte überall passieren können", glaubt die Gangway-Chefin. "Da muss nur einer eine Waffe einstecken haben, dann geht das plötzlich ganz schnell."

Elvira Berndt hofft, dass es keine weiteren Zusammenstöße an diesem Wochenende gibt. "Das ist nicht berechenbar, sondern immer auch eine Frage der Dynamik." Es müsse lediglich jemand dabei sein, der die anderen in seiner Wut mitreiße, schon könne die Situation eskalieren. Berndts Rat an die Betroffenen: "Es wäre gut, wenn auch Eltern und ältere Geschwister zum U-Bahnhof kommen und ebenfalls Anteil nehmen. Damit die Jugendlichen mit ihren Gefühlen nicht alleine sind."

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