Gewalt in Berlin: "Ich beiße nicht"

Jung, männlich, Migrant: Als Yilmaz Atmaca nach Berlin zog, hatten die Nachbarn Angst vor ihm. Ein Gespräch über Unsicherheit – die eigene und die der anderen.

Alleine unterwegs: für manche Berliner keine gute Vorstellung. Bild: dpa

taz: Herr Atmaca, Sie kamen mit 24 Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Jung, männlich, Migrationshintergrund - folgt man den Statistiken, sind es Profile wie Ihres, die häufig in der Intensivtätergruppe auftauchen. Welche Reaktionen begegnen Ihnen auf Berlins Straßen?

Yilmaz Atmaca: Das kommt auf den Stadtteil an. In Kreuzberg, wo ich lebe, falle ich nicht sonderlich auf. Aber ich habe auch lange in Weißensee gewohnt. Meine Nachbarn wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten und blieben wie Meerschweinchen stehen, wenn wir uns zufällig im Treppenhaus trafen. Sie waren fünf Jahren lang vorsichtig mir gegenüber.

Hatten Ihre Nachbarn Angst vor Ihnen?

Irgendwie schon. Ich komme auch heute öfter in die Situation, Menschen, die ich nicht kenne, erstmal eine gewisse Sicherheit anbieten zu müssen. Mit meinen Gesten und Äußerungen gleich klarzumachen: Ich beiße nicht. Diese Vorsicht mir gegenüber erlebe ich vor allem bei älteren Leuten.

Wenn man davon ausgeht, dass andere Menschen Angst vor einem haben, muss man sich vielleicht nicht mehr davor fürchten, selbst überfallen zu werden. Gibt Ihnen Ihr Aussehen auch Sicherheit?

42, Schauspieler, Regisseur und Gruppenleiter bei HEROES, einem Berliner Projekt für junge Männer gegen Unterdrückung im Namen der Ehre.

Nein. Viele würden das vielleicht genießen. Mir tut es weh. Ohne, dass ich etwas dazu beigetragen habe, werde ich in die Schublade "potenzieller Gewalttäter" gesteckt. Es kann durchaus gefährlich werden, wenn Leute aus ihrer Angst heraus auf einen reagiereren.

Wurden Sie denn jemals angegriffen?

Nur verbal, nicht physisch. Ich bin Einsneunzig groß, das hat wohl eine abschreckende Wirkung.

Erleben Sie Angst, wenn Sie sich durch Berlin bewegen?

Am kommenden Samstag erscheint die siebte Ausgabe der neuen taz.berlin-Wochenendausgabe. Sie bietet auf zwölf Seiten unter anderem ein aktuelles Schwerpunktthema, eine stark erweiterte Kulturberichterstattung, einen Wochenrückblick und das einstige Montagsinterview.

Am Samstag in der Wochenendausgabe:

- Schwerpunkt zum Thema: Wie gefährlich ist Berlin?

- eine Reportage aus dem Pelzgeschäft im Wedding

- ein Interview mit der Theatersouffleuse Tina Pfurr

Angst vielleicht nicht. Aber ich bin auf jeden Fall vorsichtig, wenn ich in den Osten Berlins fahre, nach Marzahn oder Rummelsburg zum Beispiel. Früher habe ich mich auch auf unerfreuliche Überraschungen vorbereitet.

Auf welche Weise?

Wenn ich spitze Gegenstände wie Schlüssel oder Kugelschreiber in der Jackentasche hatte, habe ich sie in die Hand genommen, um mich damit im Zweifelsfall zu verteidigen.

Wie verhalten Sie sich heute, um nicht zum Opfer zu werden?

Indem ich einen sicheren Gang, eine selbstbewusste Körperhaltung zeige. Ich bin jederzeit wachsam. Ich frage mich an einsamen, dunklen Orten aber auch: Fühle ich mich dort bedroht, weil ich eben aussehe, wie ich aussehe? Oder, weil ich schlichtweg allein dort unterwegs bin? Da muss man unterschieden.

Die ganze Geschichte in der neuen Wochenendausgabe der taz.Berlin: Wie gefährlich ist Berlin? Muss man sich hier fürchten und wenn ja, warum? Ein dreiseitiger Schwerpunkt zum Thema.

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