Gewalt gegen queere Veranstaltungen: Wut und Worte

In Südosteuropa gibt es immer wieder Gewalt gegen queere Veranstaltungen. Beim Internationalen Frauenfilmfestival wurden nun die Hintergründe beleuchtet.

Die serbische Schauspielerin Mirjana Karanovic setzt sich gegen Nationalismus und Heteronormativität ein. Bild: ap

Auch internationale Kulturereignisse sind außer von Fördermitteln und Sponsoren vom Flugverkehr abhängig. So musste das vom Land NRW und den Städten Dortmund und Köln finanzierte Internationale Frauenfilmfestival Köln/Dortmund am Mittwoch mit laufenden Kürzungen bisher unbekannter Größenordnung an den Start gehen. Dann kam noch Asche dazu.

Während erstaunlicherweise alle Filme pünktlich in Köln angekommen waren, sah es bei den Gästen anders aus. Einige hatten die Anreise nicht geschafft, andere warten immer noch auf den überfälligen Rückflug. So war die Leiterin eines Podiums zum Thema "Der Dreh mit dem Kind" ebenso in New York hängen geblieben wie die Comic-Autorin Ariel Schrag. Und von den vier eingeladenen Teilnehmerinnen eines - in einen Balkan-Filmschwerpunkt eingelassenen - Panels zum "Balkan Queer Pride" hatten mit der kroatischen Filmemacherin Dana Budisavljevic und der bulgarischen Journalistin Yana Buhrer Tavanier nur zwei den Weg nach Köln gefunden.

Ersatzweise sprang die serbische Schauspielerin Mirjana Karanovic ("Grbavica") ein, eine der wenigen Medienpersönlichkeiten der Region, die sich konsequent gegen Nationalismus und Heteronormativität engagiert und eigentlich als Jurymitglied in Köln zu Gast war.

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Solch prominente Unterstützung ist bitter nötig angesichts der brisanten und gefährlichen Situation, der queere Events und ihre Akteure in eigentlich allen Ländern Südosteuropas ausgesetzt sind. Symptomatisch dafür stehen die brutalen Überfälle fanatisierter Nationalisten auf die Eröffnungsveranstaltung des Sarajevo Queer Festivals 2008, die damals zum Abbruch der Veranstaltung führten.

Den Veranstalterinnen der Queer-Rights-Organisation "Organization Q" wurde mit Mord gedroht. Ganz ähnliche Vorfälle gab es in Belgrad, Zagreb und Sofia, wo etwa die letzte Queer Pride Parade mit Molotowcocktails angegriffen wurde.

Das Schockierende dabei ist weniger die Gewalt selbst als vielmehr die Tatsache, dass sich in Sarajevo wie andernorts Politiker und Medien nicht hinter die Veranstaltungen stellten, sondern die Gewalt als natürlichen Ausdruck gekränkten Volksempfindens entschuldigten.

Einig waren sich die Teilnehmerinnen darin, dass die sich aus Abgrenzung konstituierenden Identitäten der jungen kriegstraumatisierten Staaten und daraus resultierende Nationalismen als Hauptquelle der massiven Homophobie auszumachen sei, unterfüttert von einem ökumenisch homophoben Bündnis der Religionen. Übereinstimmung bestand auch in der Analyse, dass ein allzu schneller EU-Beitritt - wie etwa in Ungarn - der menschenrechtlichen Situation in den entsprechenden Ländern eher schade, weil nach erfolgtem Beitritt die Aufmerksamkeit nachlasse und Kontrollmechanismen fehlen.

So habe sich in Kroatien auch unter dem Beitrittsdruck die Situation deutlich gebessert, berichtet Dana Budisavljevic, sie hoffe, dass dieser durchaus noch ein paar Jahre andauere. Selbst ist die junge Regisseurin kurz davor, mit dem ersten kroatischen Coming-out-Film einen wichtigen Schritt in Richtung queere Präsenz zu setzen.

In Sarajevo fand die Ausgabe des Queer Festivals 2009 zum Schutz vor Übergriffen nur noch in Form einer PR-Kampagne mit Großwerbetafeln und Fernsehspots statt. Ob das kluger taktischer Rückzug oder Desertion vor dem Feind ist, lässt sich von außen kaum beurteilen.

Unbedingte Voraussetzung zu größerer Sichtbarkeit ist die Vernetzung in der Region wie nach außen: Schließlich ist der Balkan nicht die einzige Region, wo queere Rechte im Argen liegen. Die Veranstaltung in Köln war dazu ein wichtiger Schritt.

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