: Gevierteiltes Eldorado
Die Freiluftsaison ist in vollem Gange: Die Wahrheit checkt Spaniens Feierpotenzial. Olé!
Von Ernst Jordan
„Bienvenidos!“ – und schon haben wir eine Tomate am Kopf, hier in Las Fiestas. Am bunten Ortsschild begrüßt uns der als Begrüßungskommando abgestellte junge Mann schwungvoll: „Willkommen im Dorf der spanischen Volksfeste!“ Begeistert von so viel Elan wischen wir uns die von der Morgensonne bereits angenehm warme Tomate aus dem Gesicht. Dann betreten wir dieses Las Fiestas, eine kleine aragonische Gemarkung, die ohne Unterlass alle spanischen Volkfeste gleichzeitig feiert.
Unter der Eiche am Ortseingang ist es derzeit noch friedlich. Zwar jauchzt, kreischt und röhrt es aus den so verwinkelten wie verschlungenen Straßen des Bergdorfes bereits animalisch, doch die Bewohner von Las Fiestas wollen den zu Tausenden anreisenden Touristen offenbar auch etwas spanische Geschichte mitgeben. Entsprechend antiklimaktisch beginnt unsere Folklore-Bonanza deshalb mit den „Fiestas Historicas“, den ausgestorbenen Volksfesten.
Zu diesen, erklärt uns der stolze Bürgermeister Manuel Diaz, gehört auch der „Salto de la cabra“, bei dem einst eine Ziege auf traditionelle Art von einem Kirchturm geworfen wurde. Weiter erfahren wir, dass die Wissenschaft drei Arten spanischer Volksfeste kennt: Übergroße Puppen laufen durch die Stadt, man wirft sich mit Lebensmitteln ab oder es werden Tiere gequält. Und auch wenn der „Salto de la cabra“ eindeutig in die dritte Kategorie gehört, hat der virtuelle Bungee Jump mit VR-Brille, bei dem man den Weg der Ziege nach unten erlebt, uns dann durchaus Spaß gemacht.
Eine Abbiegung weiter geht es in Las Fiestas endlich im Hier und Jetzt los. Endlich los mit den lebenden Volksfesten, konkret: dem Karneval. Spaniens Karnevaltradition ist fast so bunt und grell wie die für „Los Jeckos“ hier stets dazugehörenden Feuerwerkskörper: Mal mit, mal ohne Masken, mal mit, mal ohne Musik; mal mit, mal ohne Riesenpuppen, aber immer mit direkt ins Gesicht geschleuderten Böllern treiben die Menschen in der Ortshauptstraße den bösen Geistern eins aus. Und auch wir tanzen und feiern, knallen und zündeln on fire durch die wogenden Menschenmassen. Die heißen Rhythmen der spanischen Böller noch in den Ohren stehen wir plötzlich am zu „La Arena“ umgebauten Dorfplatz.
Tierische Traditionen hautnah
Hier, so hieß es in der Onlinebroschüre, könne man Spaniens tierische Traditionen „hautnah“ erleben. Gespannt wie ein Bogen des Felipe, öffnen wir das Gatter zur Sand-Rotunde – und werden bitter enttäuscht. Hier wird kein Wachtelküken katapultiert, kein Jagdhund aufgeknüpft und auch keiner Gans der Kopf abgerissen, wie es anderswo wahre Tradition ist. Stattdessen sehen wir Kinder bei einem makabren Spiel einen Schwanz an einen Esel pinnen und lustlose Touristen ein einzelnes Kalb mit eher an Zahnstocher statt an Lanzen erinnernden Piekern malträtieren.
„Ah, mierda, scheiße“, seufzt uns ein Greis seinen Schinkenatem ins Ohr und erklärt ungefragt den Grund dafür, warum hier gerade kein Nutztiermassaker stattfinde: die Tourismusbehörde. Für die ist traditionelle Tierquälerei seit einigen Jahren so gar kein Gewinnerthema mehr. Denn nur eine „tierwohlgerechte Durchführung der Fiestas von Las Fiestas“ sei mittlerweile Bedingung für nationale wie regionale Fördermittel. „Und das blutleere Ergebnis sehen Sier hier“, poltert der Alte, während er seinem Hund ein paar althergebrachte Tritte an den Kopf gibt.
Wovon wir uns allerdings nicht entmutigen lassen, denn irgendwo in diesem Irrgarten von Las Fiestas wartet ganz sicher noch die festliche Krönung auf uns. Gerade folgen wir unserer Tapas-Spur aus einer Sackgasse zurück zur allerletzten Kreuzung, da hören wir es, hören das lustvolle Klatschen von Lebensmitteln auf verschwitzte Körper. Das Bild, das sich ein paar Häuserecken weiter auftut, hätte auch ein Hieronymus Bosch nicht besser anrichten können. Hunderte Leiber geben sich einem kulinarischen Geschnetzel hin: Menschenketten transportieren Nachschub an die Front, Priester geben Tomatenallergikern die letzten Riten. Hier fliegt alles, was nicht bei drei im Mund oder im Vorratskeller war: Tomaten, Mehl, Eier, Rotwein.
Wir wollen gerade deftig mitmischen, als wir von einer besonders unreifen Tomate am Kopf getroffen zu Boden gehen. Und erst durch den Duft von Resten gebratener Riesen-Frittata wieder aus dem Essenskoma erwachen.
Erlebnissatt schleppen wir uns für heute zum Ausgang von Las Fiestas. Dort beginnt eine Giga-Puppe das Dorf gerade feierlich abzufackeln. Schade um die schönen aragonischen Häuser, aber so ist es in Spanien nun mal Tradition.
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