Gesellschaft: „Armut ist keine Straftat“
Armut ist ein Tabuthema. In ihrem Buch „Das können wir uns nicht leisten“ be-schreibt Miriam Davoudvandi, wie es sichanfühlt, arm aufzuwachsen. Besonders schwerhaben es Tausende Jugendliche und Kinder in Baden-Württemberg ohne Wohnung.
Von Dietrich Heißenbüttel
„Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal spürte, dass wir arm sind“, beginnt Miriam Davoudvandi ihre Lesung im Literaturhaus Stuttgart. Sie erzählt, wie sie zur Weihnachtsfeier im Kindergarten im ockergelben – oder kackbraunen – ausrangierten Cordanzug des Nachbarjungen erschien, während die anderen Mädchen neue rosa Spitzenkleidchen trugen. „Ich war sieben Jahre alt, als ich das erste Mal verstand, dass wir arm sind“, fährt sie fort und erzählt von der Einschulung. „Ich war 22 Jahre alt, als ich verinnerlicht hatte, dass wir arm sind“, fängt sie ein drittes Mal an.
Armut ist mit Angst- und Schamgefühlen behaftet. Wer arm ist, versucht das in aller Regel zu verbergen. Miriam Davoudvandi hat ein Buch geschrieben, mit dem sie das Schweigen bricht: „Das können wir uns nicht leisten.“ Familien und Alleinerziehende sind besonders häufig betroffen. Andere mögen das übersehen – die Kinder merken es ganz genau. Es kann bis zur Wohnungslosigkeit gehen, wie eine Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll zeigt.
Auf dem Podium im Literaturhaus sieht es etwas anders aus als sonst. Plastiktüten stehen zwischen den Ledersesseln. „Erstmal zu Penny“, steht auf einer. „Alle wollen gut aussehen“, verkündet Takko Fashion, „Kleidung clever kaufen“, empfiehlt Kik. „Gab es bei euch Coca Cola oder Freeway?“, fragt die Autorin in den gut gefüllten Saal. Und als sich nur wenige zur Lidl-Marke bekennen: „Warum will keiner Freeway?“
Fotos und Filmclips zeigen, wie sie aufgewachsen ist. Als Kind läuft sie durch eine schäbige Plattenbausiedlung. „Diejenigen, die für 530 Euro im Monat arbeiten“, lässt sich die Stimme von Bundeskanzler Friedrich Merz vernehmen, „denen kann man doch auch mal die Frage stellen: Warum könnt ihr nicht auch für 2.000 Euro im Monat arbeiten?“ Zwei Poster des US-Rappers Eminem hängen hinter der Jugendlichen an der Wand.
In Bukarest waren alle arm
„Wenn man den Fernseher einschaltet oder die Zeitung aufschlägt, ist aktuell überall die Rede von Kürzungen“, protestiert Davoudvandi. „Das Bürgergeld sei zu hoch, die Sanktionen seien nicht streng genug, Einschnitte in den Sozialbereich seien notwendig, wir müssten alle sparen. Sparen, sparen, sparen, als ob ich das nicht schon mein Leben lang gehört hätte.“
1992 geboren, ist Davoudvandi die ersten sechs Jahre ihres Lebens in der rumänischen Hauptstadt Bukarest aufgewachsen. Ihre Mutter stammte aus einfachen Verhältnissen, ihr Vater war aus dem Iran geflohen und zog bald nach Deutschland weiter. In Bukarest hatte sie die Armut weniger gespürt. Alle waren arm. Das änderte sich in Deutschland.
„Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein“, steht auf dem Cover des Buches, in dem Davoudvandi auch über ihr eigenes Leben schreibt. „Es gibt viele Zahlen, die versuchen, Armut zu bemessen.“ Dazu gehört die Armutsgefährdungsschwelle, die das Statistische Bundesamt bei 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens ansetzt. 16 Prozent aller Menschen in Deutschland – 13,3 Millionen – waren demnach 2025 armutsgefährdet. Davoudvandi misstraut solchen Statistiken. Sie machen Armut abstrakt, meint sie.
Arme finden meist kein Gehör
Sie will keine Migrationsgeschichte erzählen: Armut hängt nicht davon ab, woher man kommt, sagt sie, sondern ob man in eine arme oder reiche Familie hinein geboren wurde. „Ironischerweise sprechen arme Menschen sehr viel mehr über Geld als reiche“, hält sie fest. „Wenn man arm ist, bestimmt Geld beziehungsweise die Abwesenheit davon alles. Es führt zu Stress, Streit, Resignation. Auch bei uns ging es von morgens bis nachts um Arbeit und Geld. Diese Geschichten von unserem Küchentisch möchte ich erzählen.“
„Arme Menschen denken, ihre Geschichten sind nicht erzählenswert“, beobachtet sie. „Arme Menschen sind es nicht gewohnt zu sprechen. Oder dass man ihnen zuhört. Meist sind sie so sehr mit Arbeiten und dem bloßen Überleben beschäftigt, dass keine Energie bleibt sich zu beschweren, geschweige denn auf die Barrikaden zu gehen.“
Davoudvandis Buch steht auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ihr Publikum im Literaturhaus ist vorwiegend weiblich und ihre Altersgruppe. Davoudvandi spricht schnell, es gibt viel zu lachen. Sie vermeidet den voyeuristischen Blick auf die Armut, „damit alle sich besser fühlen, die nicht wie die Assis auf der Straße leben“.
Bestnoten in der Schule, Gymnasium gegen die Empfehlung der Lehrerin, ein Studium der Politologie und Medienwissenschaft: So verlief ihre Bildungskarriere. Ein Schülerpraktikum bei der „Badischen Zeitung“ war ihr Einstieg in den Journalismus. Später war sie Chefredakteurin eines Hip-Hop-Magazins, heute schreibt sie unter anderem für das Nachrichtenmagazin Der Spiegel und die taz. Auf Nachfrage ihrer Freundin Viviana Domante, die moderiert, gesteht sie: Noch immer schrecke sie manchmal nachts hoch, weil sie geträumt habe, dass eine Mahnung oder ein gelber Behördenbrief im Briefkasten steckt.
Perfekt gestylt: Blazer, enger Rock, lange Lederstiefel, alles dunkel bis auf die roten Strumpfhosen, sitzt sie auf dem Podium des Literaturhauses. Kleider machen Leute. Das weiß niemand besser als diejenigen, die sie sich nicht leisten können. Deshalb die vielen Markennamen. Unbedingt wollte sie weiße Nike Air-Force-One-Sneaker haben wie alle ihre Lieblingsrapper, während ihre Mutter sie mit Victory-Schuhen von Deichmann abzuspeisen versuchte. Auf die Frage, was sich ändern müsse, wird sie politisch: Reiche besteuern. Gefängnisstrafen fürs Schwarzfahren abschaffen: „Armut ist keine Straftat.“
Waren Davoudvandis Eltern auch deshalb arm, weil ihre Bildungsabschlüsse in Deutschland nicht anerkannt wurden, so kennen andere Kinder noch nicht einmal die Sicherheit einer Wohnung, wenn auch eng und heruntergekommen: weil sich ihre Eltern die Miete nicht mehr leisten können. Ein stark unterbelichtetes Thema, betont Ellen Eichhorn-Wenz von der Caritas auf der Tagung „Wohnen und Armut“ der Evangelischen Akademie Bad Boll, die dreizehnte in der Reihe „Impulse der IBA“ zur Internationalen Bauausstellung in Stuttgart im nächsten Jahr.
Seit 2018 sind die Wohnungslosen im Land mehrheitlich Haushalte mit Kindern, wie aus einem Bericht zu einem Förderprogramm des Sozialministeriums hervorgeht: Rund 25.000 Menschen unter 18 Jahren sind in Baden-Württemberg wohnungslos gemeldet. Damit seien noch nicht einmal alle erfasst, ergänzt Eichhorn-Wenz. Denn Familien, die ihre Wohnung verlieren, seien oft gar nicht mehr zu erreichen. Sie tauchen unter.Initiativen wie TürÖffner von der Caritas oder der Verein WohnWerk, in dem sich eine Reihe sozialer Träger aus den Landkreisen von Reutlingen bis Calw zusammengeschlossen haben, mieten private Wohnungen an und geben sie an Bedürftige weiter. Wenn die Bewohner auf Grundsicherung angewiesen sind, zahlt das Sozialamt die Miete bis zur ortsüblichen Obergrenze. Die Caritas oder das WohnWerk zieht zehn Prozent ab. Der Vermieter hat aber die Sicherheit, dass er sein Geld erhält und die Wohnung in einem guten Zustand bleibt.
„Leer stehende Wohnungen zu finden, ist nicht unser Problem“, erklärt Michael Wandrey vom WohnWerk. 160 Wohnungen konnte der Verein seit 2020 vermitteln, 800 die Caritas innerhalb der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Der evangelische Verein Heimstatt Esslingen hat gerade in Ostfildern ein Haus mit sieben Einzimmerapartments gebaut, die Stiftung Hoffnungsträger bisher 33 Häuser mit 232 Wohnungen für Geflüchtete und Einheimische. Das sind alles gelungene Initiativen, aber bei 25.000 wohnsitzlosen Minderjährigen ein Tropfen auf den heißen Stein.
Bisherige Wohnförderung sei „kompletter Unsinn“
„Wir wollen, dass bis 2030 in allen Stadt- und Landkreisen Präventionsnetzwerke gegen Kinderarmut etabliert sind“, steht im Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung. „Reicht das aus?“, fragt Kerstin Renz, die Organisatorin der Tagung, in die Runde: Die Reaktionen schwanken zwischen müder Resignation und sarkastischem Spott.
Heiner Heizmann von der Caritas meint ein Déjà-vu zu erleben: Es stand schon im vorigen Koalitionsvertrag. Der Ulmer Oberbürgermeister Martin Ansbacher (SPD) erklärt „Enttäuschungsprophylaxe“ zu seiner neuen Lieblingsvokabel: „Wenn ich Ziele formuliere, muss auch ich wissen, wie ich sie einhalte.“ Wenn Bund und Land den Kommunen immer neue Aufgaben zuschöben, sollten sie sich auch um die Finanzierung kümmern. Bei seiner städtischen Wohnungsgesellschaft UWS bittet die Stadt Ulm inzwischen die Bürger:innen um Mithilfe. Sie haben einen doppelten Vorteil: eine sichere Anlage und mehr Wohnungen.
Andreas Hofer, der Intendant der IBA‘27, hat in Zürich viel bewegt. „Wenn wir über Wohnungen für Schwächere reden, sollten wir nicht vom Bauen reden“, zerpflückt er die Wohnungspolitik des Landes. Den Bau einer Sozialwohnung mit Krediten bis zu 230.000 Euro zu fördern wie die bisherige Landesbauministerin Nicole Razavi (CDU), sei „volkswirtschaftlich kompletter Unsinn“. Das Problem sei schnell nicht zu lösen. Die einzigen, die noch in nennenswerter Zahl bezahlbare Wohnungen bauen, seien derzeit die Genossenschaften.
Miriam Davoudvandi: Das können wir uns nicht leisten – Was es bedeutet, in Deutschland arm zu sein. München 2026, 256 Seiten, 18 Euro.
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