Gesellschaft: Zwischen Legehennen und PC-Maus
Was macht der Landwirt, wenn er nicht gerade Äcker pflügt, Tiere füttert oder protestiert? Er sitzt an seinem PC, dokumentiert und stellt Anträge. Ein Besuch auf Florian Mayers Makenhof in Marbach am Neckar.
Von Franziska Mayr
Die Sonne kämpft sich vergebens durch die eisige Januarkälte. Die Erde des gepflügten Ackerbodens zwischen Wohnhaus und Hühnerstall ist selbst am Mittag noch steinhart gefroren. Anfang März wird hier Sommergerste gesät. Spätestens dann wird Bauer Florian Mayer seine Aussaat ins FIONA (Flächeninformation und Online-Antrag) eintragen – das Portal des Landes Baden-Württemberg, über das Landwirt:innen den Gemeinsamen Antrag, die Summe aller mit EU-, Bundes- und Landesgeldern geförderten Maßnahmen, stellen können.
Mayer, 43 Jahre alt, ein Schaffer mit breitem Kreuz, sitzt an diesem kalten Januarmorgen dort, wo man einen Bauer am wenigsten erwartet: in seinem kleinen Büro vor dem PC. In verschiedensten Grün-, Gelb- und Brauntönen leuchten unförmige Vierecke auf dem Computerbildschirm. Was aussieht wie ein kubistisches Werk von Picasso ist in Wirklichkeit ein Flurplan von Mayers Äckern.
Die grün-gelb-braune Übersicht aus der Vogelperspektive zeigt ihm seinen gesamten Bodenbesitz, das sind 60 Hektar, unterteilt in Schläge, also Äcker, und kleinere Flurstücke. „Bürokratie hin oder her, das FIONA ist schon was wert“, sagt der Landwirt vom Makenhof in Marbach. „Man hat den Überblick, kann die Flächen rausmessen, weiß, wie viele Flurstücke man hat, und wo was ist.“ Eingetragen wird alles, was auf Mayers Äckern passiert: Saat, Düngung, Ernte. Alle 14 Tage überfliegt ein Satellit das Gebiet und kontrolliert, ob die Angaben richtig sind – sonst gibt es eine Fehlermeldung. Er sitze nicht jeden Tag am Computer, manchmal vergehe auch eine ganze Woche ohne PC-Arbeit. Trotzdem komme Mayer durchschnittlich auf mindestens zwei Stunden wöchentlich, die er für bürokratische Arbeiten aufwenden muss, damit er am Ende des Jahres staatliche Fördermittel bekommt.
14.000 Euro gab es für ihn als Ausgleichsprämie fürs Jahr 2023. Weitere Fördermittel könnte er über FAKT II bekommen, einem Unterpunkt bei FIONA: das Förderprogramm für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl des Landes Baden-Württemberg. Doch darüber stellt Mayer keine Anträge mehr. „Da ist nichts dabei, was für mich praktikabel wäre“, sagt er.
Nach der Büroarbeit stapft Mayer Richtung Hühnerstall am Acker vorbei, auf dem in wenigen Monaten Gerste wachsen wird. Neben Sommer- und Wintergerste baut er Zuckerrüben, Winterweizen und Mais an. Zudem besitzt er einige Streuobstwiesen und Weinberge. Er lehnt sich gegen einen Zaun und blickt auf das große kahle Feld hinter dem Stall. Hier laufen normalerweise seine Legehennen herum, doch erst vor wenigen Tagen hat er sie alle zur Schlachtung weggegeben. Etwa 400 Euro bekam er für die 1.993 Tiere, die ihm in den vergangenen 18 Monaten 851.120 Eier zur Weitervermarktung einbrachten und nun als Suppenhühner in Supermarktregalen enden. In der Anschaffung kostet ihn ein junges Legehuhn etwa zehn Euro.
Mit der freien Fläche hinter dem Hühnerstall erfüllt Mayer die Kriterien der Freilandhaltung – vier Quadratmeter pro Henne. Zudem haben die Eier seiner Hennen das Qualitätssiegel KAT, kontrollierte artgerechte Tierhaltung, und das Qualitätszeichen des Landes Baden-Württemberg (QZBW) für regionale Lebensmittel ohne Gentechnik. Allein für Letzteres müsse er jedes Jahr 26 Seiten Papier ausdrucken, handschriftlich ausfüllen und Zutreffendes ankreuzen, erzählt Mayer. „Das ist das, was mich schon ein bisschen aufregt“, sagt er. So weit sei die Digitalisierung dann auch wieder nicht. Zusätzlich gibt es jährliche Kontrollen.
„Echte, pure Verzweiflung“
Da Mayer gerade hennenlos ist und auch die Äcker noch nicht bearbeitet werden können, hatte das Vorstandsmitglied des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg Zeit, zweimal nach Berlin zu fahren, um gemeinsam mit Kolleg:innen gegen die geplanten Bundeshaushaltskürzungen im Agrarsektor zu demonstrieren: Streichung der Kfz-Steuerbefreiung und der Agrardieselsubventionen. Die Pläne der Ampel-Regierung hätten nur ein bereits vorher „sehr volles Fass zum Überlaufen gebracht“, sagt Mayer und erzählt von immer mehr Verboten und Vorschriften für Landwirt:innen, den gleichzeitig aber ausbleibenden Lösungen seitens der Politik. „Wenn der Staat uns immer öfter vorschreibt, was wir zu tun oder eben nicht zu tun haben, brauchen wir als Gegenleistung Kompensationen.“
Die Pläne mit der Kfz-Steuer hat die Ampel-Regierung bereits nach ersten Protesten im Dezember wieder aufgegeben. Die Dieselsubventionen sollen hingegen schrittweise bis 2026 eingestellt werden. Es gehe um „echte, pure Verzweiflung“, sagt Mayer. Momente, in denen er sich von der Politik im Stich gelassen gefühlt hat, kann er viele nennen. Etwa das Neonicotinoide-Verbot, ein Pestizid, das pflanzenschädliche Insekten abtöten soll, gleichzeitig aber auch Risiken für Bienen mit sich bringt. Das Verbot habe laut Mayer zu massiven Problemen im Zuckerrübenanbau geführt, der Ertrag sei um 30 bis 40 Prozent eingebrochen, sagt er. „Man hat geglaubt und gehofft, dass die Regierung uns hier irgendwie hilft.“ Enttäuscht musste er das Gegenteil feststellen. Auch in der Klimakrise fühlten er und seine Kolleg:innen sich alleingelassen. „Die Landwirtschaft ist fast die einzige Branche, die auf neue Herausforderungen mit alten Mitteln reagieren soll. Wir sollen schaffen wie vor 100 Jahren.“ Zu den erschwerenden Umständen kämen die sinkenden Gewinne für ihre verkauften Waren hinzu. 2022 habe Mayer für eine Tonne Weizen noch 300 Euro bekommen, 2023 waren es lediglich 245 Euro. Für dieses Jahr stünden die Prognosen noch schlechter.
„Genauso wie der Staat haben wir nicht unbedingt ein Einnahmeproblem, sondern ein Ausgabeproblem“, sagt er. Landmaschinen seien in den letzten vier Jahren zwischen 20 und 30 Prozent teurer geworden. Mit einer gekonnten Bewegung hievt sich der Landwirt hoch und durch die Tür in seinen dunkelblauen Trecker. Fünf hat er insgesamt, dieser ist der größte: 200 PS, Dieselverbrauch von 24-30 Litern pro Stunde, 11.000 Liter pro Jahr. Auf der Türscheibe klebt ein Din-A4-Blatt mit Regenbogen und der Aufschrift „Landwirtschaft ist bunt, nicht braun“: ein Überbleibsel von den Bauerndemos. Natürlich sei ihm bekannt, dass sich auch Rechte unter den Demonstrierenden befänden. „Auch in bestimmten Whatsapp-Gruppen merkt man den ein oder anderen Schwurbler oder Coronaleugner“, sagt Mayer. Doch die AfD sei bei ihnen kein Thema und überhaupt stünde die meistens abseits.
Am vergangenen Montag hätten ihn seine Zwillingssöhne gerne nach Berlin begleitet. Die beiden Achtjährigen seien voll dabei und hätten richtig Lust auf Landwirtschaft, sagt ihr Vater. Die 13-jährige Tochter hingegen weniger. Doch ob seine Söhne in diesem Sektor eine so glorreiche Zukunft erwartet, ist sich Mayer immer weniger sicher. Trotz eines Umsatzes von etwa 250.000 bis 300.000 Euro blieben ihm am Ende nur etwa zehn Prozent davon. „Auch bei mir gab es Jahre, in denen die Ausgleichszahlung 40, 50 oder 60 Prozent von meinem Gewinn ausgemacht hat.“ Fällt bis 2026 die Subvention für den Agrardiesel weg, bedeutet das für Mayer und seine Kolleg:innen zusätzliche Mehrkosten. 2.300 Euro habe er letztes Jahr für den Kraftstoff zurückerstattet bekommen, 21 Cent pro verbrauchtem Liter. Beim Hauptzollamt musste er dafür angeben, wie viel Treibstoff er gekauft, wie viel er davon gebraucht hat und wie viele Kilometer er gefahren ist. Den Verbrauch der privaten PKWs abgezogen. „Ich habe einige Kollegen, die stellen gar keinen Dieselantrag, weil es ihnen zu umständlich ist“, sagt er.
Die Viertelesschlotzer fehlen
Zwischen Acker und Garten mit Schaukel für die Kinder strecken drei neugierige Kühe ihre Gesichter aus dem Stall: Paula, Paola und Peggy sind Limpurger, eine gefährdete Nutztierrasse – und so etwas wie Haustiere für die Familie Mayer. Sie freuen sich über jede Streicheleinheit. Auch die drei wurden von ihrem Bauern digital festgehalten, im HI-Tier, dem Herkunftssicherungs- und Informationssystem für Tiere. Geburten, Todesfälle, Impfungen, Einsatz von Antibiotika und vieles mehr muss er dort eintragen. Auf der Plattform 365FarmNet, die laut Webseite für Smart Farming steht, dokumentiert Mayer seine Saaten und was er wann düngt. Um rauszufinden, wie viel er überhaupt düngen darf, nutzt er die Düngebedarfsermittlung der Landeswebseite Düngung BW. Weil diese nicht mit FIONA gekoppelt ist, muss der Bauer jeden Acker einzeln eintragen: Name, Saat, Ertragsschnitt, Vorfrucht, Zwischenfrucht, organische Düngung, Menge der organischen Düngung, Humusgehalt, Wasserschutz, Nitratgehalt. Am Ende sieht er die vorgeschriebene Obergrenze an N-Dünger (Stickstoffdünger) und die für seine Felder empfohlene Menge. So macht er das für jeden Acker seit fünf oder sechs Jahren. Und denselben Ablauf nochmal für Phosphor, Kalium und Magnesium. „Also meinen Vater bräuchte ich da nicht ransetzen“, sagt er im feinsten Schwäbisch und lacht.
Mayers Eltern leben gemeinsam mit ihrem Sohn, ihrer Schwiegertochter und den drei Enkelkindern auf dem Makenhof, der seit 1978 im Besitz der Familie ist. Als Gerhard Mayer, Florian Mayers Vater, noch der führende Bauer am Hof war, konnte man von der Landwirtschaft gut leben, sind sich die beiden Männer einig. „Eigentlich bis vor drei, vier Jahren ging das noch“, sagt der junge Mayer. Doch mittlerweile sei die Macht des Lebensmitteleinzelhandels ein wirkliches Problem. Vor allem seit Corona habe sich dieser „dumm und deppert verdient“ – bei den Bauern komme davon nichts an. Vor zwei Jahren habe Mayer gemeinsam mit der Weingärtner Marbach e.G., deren zweiter Vorstand er ist, von Rewe eine Preiserhöhung für ihre Weine von fünf Prozent verlangt. Nach einem mehrtägigen Lieferstreik akzeptierte Rewe die Preissteigerung. „Aber jetzt kaufen sie von diesem Wein einfach nichts mehr oder viel weniger und haben ihn durch einen günstigeren ersetzt.“ Laut Mayer steht der Weinbau so oder so kurz vor dem Kollaps. Was fehlt sei der „Viertelesschlotzer“, der „zu-Hause-Absatz“ sei eingebrochen, der Weinkonsum um 20 Prozent zurückgegangen.
Sollte er noch weitere seiner Weinberge verkaufen, muss er das entsprechend ins FIONA eintragen. Zurzeit wird die Plattform aktualisiert, die Satellitenbilder werden auf den neuesten Stand gebracht und Anfang März ist sie wieder freigeschaltet. „Wenn‘s dann regnet, brauch‘ man nicht reingehen“, sagt Mayer und erzählt, wie dann alle Bauern vor ihren PCs sitzen und die Server überlastet seien. Bis dahin bleibt ihm noch genügend Zeit zum Protestieren und den Stall für die nächsten Legehennen zu putzen. 2.480 Tiere sollen in zwei Wochen auf dem Makenhof einziehen.
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