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GesellschaftWeg vom Fenster

Die jüdische Ukrainerin Inna Zhvanetskaya ist noch immer verschwunden. „Querdenker“ hatten sie vor einer Einweisung in eine psychiatrische Klinik und einer Impfung „gerettet“ und irgendwo hingebracht.

Von Anna Hunger

Vergangene Woche hatten wir über die 86-jährige ukrainische Komponistin Inna Zhvanetskaya berichtet, die in eine psychiatrische Klinik eingewiesen und gegen Corona geimpft werden sollte. Die Polizei hatte am 11. Januar vergeblich versucht, die Frau zuhause abzuholen. Sie war nicht da. Augenscheinlich hatten sich Impf­geg­ne­r:in­nen gefunden, welche die – laut Betreuungsbeschluss demente und schwerkranke – Dame „gerettet“ und „in Sicherheit an einen geheimen Ort“ verbracht hatten.

„Report 24“, ein rechtes Schwurbel-Medium aus Österreich, hat die Geschichte aufgebracht und getitelt: „Deutsches Gericht verurteilt Holocaust Überlebende zu Zwangsimpfung“. Das Portal berichtete in mehreren Artikeln über die vermeintliche Rettung der 1937 geborenen Jüdin, unter anderem mit Videos von ihr, in denen sie sich dankbar zeigte. Auch ein Foto von Zhvanetskayas Personalausweis findet sich bei „Report 24“ über einem Artikel, irgendwer hat ihn ihr wohl abgenommen und abgelichtet, wahrscheinlich als Beweis, tatsächlich bei der alten Dame zu sein. Die Telegram-Gruppen um Impfgegner und „Querdenker“ glühten, auch „Querdenken“-Gründer Michael Ballweg, seit einem halben Jahr in U-Haft, meldete sich aus dem Gefängnis und richtete seiner Gemeinde aus: „Was nützen Sonntagsreden, wenn in Deutschland an jüdischen Menschen wieder medizinische Experimente oder Behandlungen gegen ihren Willen durchgeführt werden sollen?“ Zuerst hatte „t-Online“ über den Fall berichtet, fortlaufend der „Zeitungsverlag Waiblingen“ (ZVW). Bei Kontext nachzulesen ist die gesamte Geschichte hier.

Wie geht es jetzt weiter? Nach diversen Anfragen stellt sich heraus: Niemand weiß, wo die Frau sich befindet. Bis auf diejenigen, die sie aus ihrer Wohnung mitgenommen haben.

Der Anwalt, den Inna Zhvanetskaya engagiert haben soll, Holger Fischer, hat Einspruch gegen den Betreuungsbeschluss eingelegt, und so hat das Amtsgericht Stuttgart-Bad Cannstatt den Fall ans Landgericht weitergegeben, das nun zu prüfen hat, ob die Entscheidung rechtmäßig war oder nicht. Wie lange diese Prüfung dauert, ist schwer zu sagen. „Das hängt unter anderem ganz wesentlich davon ab, ob und wann die Betroffene angehört werden kann“, schreibt ein Sprecher des Gerichts. „Denn in der Regel ist die erneute Anhörung der Betroffenen erforderlich.“ Aber die Betroffene ist weg und nicht auffindbar.

Auch Anwalt Fischer sagt, er wisse nicht, wo sie sich aufhalte und wolle es auch nicht wissen. Ein gewisses Unwohlsein mit der Gesamtsituation ist ihm am Telefon anzuhören. Mittlerweile hat der Anwalt, der selbst aus der „Querdenker“-Ecke stammt, die Kommentarfunktion seines Telegram-Kanals abgeschaltet, weil ihm die dortigen Beiträge, so sagt er, zu krass wurden. Fischer sagt, einem Beschluss zur Unterbringung eines Menschen in einer Psychiatrie müsse ein psychiatrisches Gutachten vorangehen. Das gebe es auch im vorliegenden Fall, allerdings befürworte der Gutachter nicht ausdrücklich eine Unterbringung. Zudem sei jener im Frühjahr bei Zhvanetskaya gewesen, seine Expertise aber stamme vom 8. September. Überprüfen lassen sich beide Aussagen nicht.

Zwischenzeitlich hatte sich auch die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) in Stuttgart eingeschaltet, die sich in der Vergangenheit um die Frau gekümmert hat. Dass sie nicht geimpft werden wollte, sei bekannt gewesen, zitiert der „Zeitungsverlag Waiblingen“ das IRGW-Vorstandsmitglied Mihail Rubinstein, man habe dahingehend auch bei Gericht interveniert. Der Beschluss über die Impfung wurde bereits aufgehoben.

Rechtlich zuständig ist die Betreuerin der Frau. Ob sie weiß, wo sich Inna Zhvanetskaya befindet? Am Telefon sagt die Betreuerin, sie wolle keine Auskunft geben.

Die Frau ist nicht auffindbar

So bleiben viele Fragen offen: Wer kann aus der Ferne beurteilen, unter welchen Umständen die Videos, die „Report 24“ veröffentlicht hat, aufgenommen wurden? Wer weiß, ob die alte Dame wirklich freiwillig mitgegangen ist, oder ob man ihr nur lange genug das Hirn gewaschen hat? Kennt sie die Leute, die sie mitgenommen haben und behaupten, sie seien schon lange bekannt mit ihr? Und hätten enge Bekannte nicht gewusst, dass da eine Unterbringung im Raum steht? Hätten sie sich nicht darum bemüht, die ganze Sache anders zu lösen? Oder geht es den „Querdenkern“, die sich da als Retter gerieren, nicht doch nur um die Instrumentalisierung einer Jüdin für die eigenen Zwecke?

Ob es der Komponistin gut geht? Anwalt Fischer sagt, er habe mal mit ihr telefoniert, da habe es so geklungen. Er wünscht sich, sagt er, dass das Landgericht schnell tätig wird. „Damit die Frau wieder vor die Tür gehen kann, ohne Angst haben zu müssen, von der Polizei weggecasht zu werden.“

Fazit: Da sitzt also, so scheint es zumindest, eine kranke alte Frau irgendwo bei Impfgegner:innen, die keiner kennt, und traut sich nicht mehr raus. Und weil keiner weiß, wo sie ist, und niemand mit ihr in direktem Kontakt steht, würde auch keiner merken, wenn sie plötzlich vor die Tür gesetzt würde. Oder Schlimmeres.

Die Polizei weiß auch nicht, wo die Frau sich befindet. Ein Sprecher sagt, man warte jetzt auf Hinweise aus der Bevölkerung.

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