Gelebte Utopie: Alles umsonst

Kleidung, Bücher, Töpfe, Tassen – im Umsonstladen in der Neustadt durfte man alles mitnehmen, was man brauchte. Jetzt sucht der Laden dringend neue Räume.

Tauschen bestimmt den Kapitalismus: Im Umsonstladen gibts deshalb alles für nichts, ganz ohne Tausch. Bild: KIS

BREMEN taz | Der Umsonstladen in der Neustadt sucht eine neue Örtlichkeit. Zum 31. August muss das alte Ladenlokal in der Gellertstraße 85 geräumt sein. Mitte Juli kam die Kündigung, relativ unvermittelt. Noch liegen Kinderkleidung, Geschirr, Bücher oder Werkzeug zur Mitnahme in den Regalen – und zwar: für umsonst.

Nun könnte man denken: ’Klar, ein Laden der kein Geld einnimmt, kann auch seine Miete nicht bezahlen.‘ Aber: Die Miete war immer gedeckt. Ein UnterstützerInnenkreis zahlt monatlich auf’s Vereinskonto, dazu kommen Spenden. Vielmehr gab es Unstimmigkeiten mit der Vermieterin. Gestört hatte wohl schon länger, dass ab und zu blaue Säcke vor der Tür standen: ungefragt, voll mit alten Sachen.

Auch im Laden wollten Leute immer wieder Aussortiertes oder Sperrmüll loswerden. „Dabei brauchen wir das gar nicht“, sagt Jens Ferdinand, der im Laden Schichten übernimmt. Nein, was hier feilgeboten wird, ist keine Flohmarkt-Ware zweiter Klasse. Hemden, Vasen, Sakkos, Büroordner, Gläser, Porzellan, Bücher von Günter Wallraff oder Thomas Mann. Zwei Mal pro Monat werden gar umsonst Haare geschnitten. Nur Lebensmittel sind nicht im Sortiment – „wegen des Gesundheitsamts“.

„Romane kommen deutlich mehr rein als rausgehen“, sagt Johann Bergmann, der den Laden vor sieben Jahren mitgegründet hat. Auch Frauenbekleidung werde viel abgegeben. Männerkleidung hingegen sei rar. „Die wird länger getragen“, sagt Bergmann. Und wenn die Kleidung zerschlissen ist, will auch der Umsonstladen sie nicht mehr. Kinderspielzeug sei sehr beliebt, Töpfe oder Pfannen. Nicht mehr als drei Teile sollte man pro Besuch mitnehmen.

„Es geht nicht um Tausch“, sagt Bergmann. Das ist ihm wichtig. Denn, dass Leute Kostbarkeiten des Alltags entdecken, Dinge gebrauchen können, die andere aussortiert und hier vorbei gebracht haben – diese Idee soll mehr sein als eine karitative Armutsverwaltung. „Der Mechanismus ’Tausch‘ liegt der kapitalistische Gesellschaft zu Grunde“, sagt Bergmann. Wenn man tauscht, sei immer jemand ausgeschlossen. Er setzt auf Solidarität. Für Bergmann „praktische Kritik an der Warengesellschaft“.

Sieben bis acht Menschen übernehmen hier fast fünf Mal pro Woche die Öffnungszeiten. Immer für eine paar Stunden, immer ist etwas los. „Selbst, wenn wir mal ungestört sein wollen“, sagt Bergmann. Arbeitslose engagierten sich hier, aber auch Erwerbstätige oder RentnerInnen. Manchen sei der ökologische Faktor wichtiger, das Recyceln, anderen die Konsumkritik. Er selbst sei „Anarcho“, sagt Bergmann. Aber schon beim ersten Fußtritt über die Ladenschwelle merkt man, dass hier nicht die linke Szene mit einem Projekt unter sich bleibt.

„Das Projekt bringt Leute zusammen“, sagt Bergmann. Es soll ein Kommunikations-Ort sein, der auch mit neuen Ideen konfrontiert, etwa dem Plakat zum antimilitaristischen „War starts here“-Camp. Die meisten kämen aus der Neustadt, deshalb werde auch hier vornehmlich nach neuen Räumen gesucht.

Vielleicht könnte man sich auch zusammentun, „mit einer WG, oder dem Infoladen ’Kurzschluss‘“, sagt Bergmann. Früher gab es mal die Idee eines „Centro Sociale“, mit Veranstaltungsraum, Café und allem. Gäben neue Räume es her, wäre das vielleicht wieder drin.

Für Raum-Angebote & Infos:
Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de