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„Geld ist ein Beziehungsgestaltungsmittel“

Die erwachsenen Kinder und Enkelkinder finanziell unterstützen? Dafür gibt es gute Gründe – aber auch einige, die dagegen sprechen

Von Lars Klaaßen

Manchmal muss es schnell gehen: ein Unfall, Auto kaputt, ein neues muss her, weil man sonst nicht zur Arbeit kommt. In solchen Fällen helfen Eltern ihren Kindern, weil sie die nötigen finanziellen Reserven haben. So etwas kann mal vorkommen. „Es gibt in manchen Familien aber auch Menschen, die den Notstand verdächtig oft ausrufen“, weiß Jochen Rögelein, Familientherapeut, Coach und Berater aus München. Besonders deutlich wird das bei jungen Erwachsenen, die drogenabhängig sind, regelmäßig in finanzielle Schwierigkeiten geraten und dann ihre Eltern um Unterstützung bitten. „Angehörige müssen aufpassen, darüber nicht in eine Koabhängigkeit zu rutschen.“ Wer in so einem Kontext anderen immer wieder aus der Patsche hilft, ändert nichts am Grundproblem, sondern stabilisiert es.

„Eltern, die vor der Entscheidung stehen, ob beziehungsweise wie sie Ihre Kinder finanziell unterstützen, sollten sich immer fragen, inwiefern dies im konkreten Fall zu deren Selbstständigkeit beiträgt“, empfiehlt Rögelein. „Denn zu viel des Guten kann dazu führen, dass Menschen bequem werden.“ Man wächst nun mal mit seinen Aufgaben – und ohne Herausforderungen vielleicht nicht im selben Maße.

Der Gesetzgeber macht einige klare Vorgaben zu den Rechten und Pflichten der Eltern gegenüber ihren Töchtern und Söhnen. So muss man seine Kinder ab deren Volljährigkeit nicht mehr zu Hause wohnen lassen. Angesichts der horrenden Mieten in den Großstädten setzen trotzdem nur wenige Eltern ihren Nachwuchs pünktlich zum 18. Geburtstag vor die Tür. Viele, die es sich leisten können, unterstützen Ihre Kinder finanziell, damit sie sich die teure Studentenbude leisten können. Nicht allein die Höhe der Miete ist dabei relevant, sondern auch die Umstände und deren Auswirkungen: Ist es ratsam, in der Heimatstadt zu studieren? Wer in einer anderen Stadt oder einem anderen Land studiert, macht ganz neue Erfahrungen. „Wenn man seine Kinder unterstützt, sollte man also auch solche Aspekte mitbedenken und gegebenenfalls den Weg in jene Richtung weisen, die die Selbstständigkeit stärker fördert“, so Rögelein.

Der Therapeut hat in seiner Praxis die Erfahrung gemacht, dass in Familien, die über viel Geld verfügen, auch die Schwierigkeiten, damit umzugehen, entsprechend größer sind: „Es gibt Fälle von Wohlstandsverwahrlosung, wo das Gefühl für Geld verloren gegangen ist.“ Manche Kinder reicher Eltern etwa erlägen der Illusion unendlicher Ressourcen. Wo die Erfahrung fehlt, mit finanziell gesteckten Grenzen umzugehen, beginnen manche, für sich selbst immer das Maximum zu fordern – und dies für gerechtfertigt zu halten.

„Mit der Frage, was eigentlich gerecht ist, setzen sich früher oder später alle Familien auseinander“, sagt Rögelein. „Das ist nicht immer leicht zu beantworten, weil es verschiedene Prinzipien gibt, an denen man sich orientieren kann.“ Eines dieser Prinzipien lautet: Alle werden gleichbehandelt. Doch nicht alle Familienmitglieder sind gleich, jeder Mensch hat andere Bedürfnisse. Zwischen existenzieller Not und Luxuswünschen besteht ein breites Spektrum – welche Bedürfnisse sind gerechtfertigt? Auch die Lebensumstände spielen eine Rolle, dass ganz unterschiedlicher Bedarf an Hilfe entsteht.

Im vielen Familien ist die Situation zu kompliziert, als dass sie sich nach einem einfachen Schema lösen ließe. Jochen Rögelein gibt ein Beispiel*: Die Kinder sind erwachsen und längst ausgezogen. Die Eltern wollen sich verkleinern, doch das Eigenheim soll in der Familie bleiben. So kauft die ältere Tochter die Immobilie – unter Marktpreis. Dadurch wiederum fühlt sich die jüngere Tochter benachteiligt. Sie äußert diffuse Gefühle gegenüber den Eltern, sieht ihren Anspruch aufs Erbe unterlaufen. „Je stärker Menschen einen persönlichen Anspruch zum Beispiel auf das Erbe zu haben glauben“, so der Therapeut, „desto größer wird der Ärger in der Familie.“

Beziehungen zwischen Familienmitgliedern sind stark emotional geprägt und dies ist den Betroffenen in vielen Fällen nicht einmal bewusst. Oft sind es alte Konflikte mit den Eltern, die die Kinder von klein auf geprägt haben. Die seelischen Verletzungen aus dieser Zeit kommen wieder hoch – etwa das Gefühl, materiell oder emotional zu kurz gekommen zu sein. „Dies kann selbst bei Kindern, die längst erwachsen sind, Ansprüche befeuern, die nicht unbedingt rational nachvollziehbar sind“, erläutert Rögelein.

Ein anderes Beispiel: Die Tochter, bereits 25 Jahre alt, möchte Jura studieren und erwartet, dass ihr Vater dies komplett finanziert. Dieser ist skeptisch und fragt, wann die Tochter denn das Studium beenden wird. Sein Vorschlag: Er zahlt pauschal eine Summe, mit der die Ansprüche dann abgegolten sind. Die Tochter fühlt sich unverstanden und unter Druck gesetzt: Was, wenn das Studium sich in die Länge zieht – aus welchen Gründen auch immer? „Sie möchte sich nicht rechtfertigen müssen, aber auch keine Verantwortung übernehmen“, sagt Rögelein. Was ist der Grund für solch eine Vollkaskomentalität? „Die vermeintlich rein sachliche Auseinandersetzung ist emotional überlagert“, erläutert der Therapeut. „Dahinter steckt die Angst, erwachsen, also selbstverantwortlich zu werden und den Kontakt zum Vater zu verlieren.“

Abhängigkeiten sind ein immer wiederkehrendes Motiv, wenn es um Geld in der Familie geht. Es sind nicht nur Kinder, die als Bittsteller unbewusst abhängig bleiben wollen. Auf der anderen Seite gibt es auch Eltern, die ihre Kinder aktiv abhängig machen. Da wird dann beispielsweise der Führerschein für die 18-jährige Tochter finanziert, damit sie die Oma regelmäßig zum Arzt oder zu anderen Terminen fahren kann. Weit verbreitet ist auch: Geld gegen Liebe. Mancher Sohn redet dem Vater nach dem Mund, aus Angst, enterbt zu werden. Es gibt reiche Eltern, die ihre Kinder kurzhalten – die finanzielle Abhängigkeit soll davor schützen, von den Nachfahren verlassen zu werden. So kommt es immer wieder vor, dass Kinder bei ihren reichen Eltern verschuldet sind, weil sie kein Geld zu ihrer eigenen Verfügung ohne Gegenleistung erhalten. „Geld ist im Guten wie im Schlechten ein Beziehungsgestaltungsmittel“, sagt Rögelein. „Eigentum verpflichtet und deshalb sage ich: Ihr müsst über Geld reden!“

Mit dem Vermögen wächst auch die Verantwortung. „Reiche Eltern sollten ihren Kindern nicht vorspielen, Normalbürger zu sein“, betont Rögelein. „Die kommen irgendwann in die Pubertät und sind ja nicht doof.“ Man habe gegenüber seinen Nachfahren auch Informationspflichten. Zugleich sollten Kinder lernen, mit Geld umzugehen: je früher, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie dazu später in der Lage sind – auch bei großem Vermögen. Doch auch Eltern sollten verantwortungsvoll mit ihrem Geld umgehen und genügend für Altersvorsorge und Pflege zurücklegen, denn der letzte Lebensabschnitt kann sehr teuer werden. Alles noch zu Lebzeiten zu verschenken oder den Kindern ein großes Erbe zu versprechen, ist also keine gute Idee.

„Ein Anspruch aufs Erbe ist nicht gerechtfertigt“, sagt Rögelein. „Man erbt, was übrigbleibt.“ Das gilt ebenso, wenn Eltern beschließen, einen Teil ihres Vermögens anderweitig zu verschenken oder zu stiften, weil sie gemeinnützige Organisationen über ihren Tod hinaus unterstützen wollen. Mit der Erfahrung aus zahlreichen Familientherapien weiß Rögelein: „Es ist wichtig, früh mit seinen Kindern oder anderen Erben darüber zu reden, was man besitzt, wer auf was Wert legt und wie man damit umgehen möchte.“

* Die Beispiele sind verfremdet worden, so dass sich keine Rückschlüsse auf die realen Familien ziehen lassen.

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