: Gegenschlag
■ Die E88-Contras kommen: Kreuzberger Festliche Tage
Für einen wie Harry Wollenschläger ist immer Kulturjahr, ein Profi des unterhaltenden Gewerbes, ein geborener Europäer, dazu Multifunktionär, der Schiffsschaukel-, Achterbahn- und Mandelröstereibetreiber des Kontinents. Zwölf Sterne zieren seine weinrote Krawatte, die von dem kräftigen Nießer, den er jetzt tut, gerade noch einmal verschont bleibt. Die Ehrennadel am Revers erzittert, und das 60jährige Weißhaar erhebt die Stimme: „Wenn Sie irgendwo in Europa mal Karussell fahren wollen, wenden Sie sich an mich!“ Harry, Oberhaupt der Berliner, der deutschen und der europäischen Schausteller, führt die anwesende Journaille über das im Aufbau befindliche Volksfest auf dem Kreuzberg, trotz Erkältung. Harry ist einer der Kultur-Contras, die zum dezentralen Gegenschlag ausholen auf E88. Raumgreifend weist er über den Viktoria-Park. Hier entsteht ein repräsentativer Vergnügungspark.
Das Volksfest im Park ist einer der Knüller der „Kreuzberger Festlichen Tage“, die in den nächsten zwei Wochen kraft sämtlicher Ämter und Vereine von SO36 zur Durchführung gelangen.
Weil der Viktoria-Park 100 wird und das Volksfest 40, soll Kreuzberg in diesem Jahr besonders als aktivster Bezirk im Bereich der Kultur zum Vorschein kommen. Harry führt uns weiter vorbei am Riesenrad, das noch keine Gondeln hat, vorbei an Losbuden, Teddys und vernagelten Schießständen. Den Schnupfen hab‘ ich mir am Wochenende zugezogen, da war ich bei einem Schaustellerjubiläum im Schwarzwald, 30 Grad im Schatten, Lothar Späth war auch da. Am Sonntag Dampferfahrt mit den Amerikanern auf dem Wannsee, eiskalt war das. Am Montag dann Hamburg. BRRR! Aber das Leben muß ja weitergehen.
Nach dem Rummel-Bummel Pressekonferenz im Rathaus, wo einige offiziöse Anzüge Auszüge aus dem Veranstaltungsprogramm der Festlichen Tage referieren.Kreuzberg ist die kulturelle Mitte Berlins, das machen sie schonungslos klar. Einige Programmpunkte in Kürze und ohne Anspruch auf Repräsentativität: Landsknechterfahrung, Senioren-Steptanzgruppe, Feuerwerk zum Anfassen, hairtrends on stage, Karstadt präsentiert Soft-Rock, Einweihung der historischen Zollmauer, Umweltmarkt, Friedensveranstaltung. Eine Gesamtsumme wird in den Raum geraunt. Für 130.000 Mark kommt Eichendorff und Co. ins Arbeiterviertel. Da wird Hassemer erzittern, Wollenschläger, der Kirmesmann, kündigt für 1989 den Jubiläumskongreß des deutschen Schaustellergewerbes in Berlin an. The party goes on.
henk
Die Engagierten stärken
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen