: GOLD AUS DER APOTHEKE Von Mathias Bröckers
Olympia ist vorbei, und auch Barcelonas Putzfrauen haben keinen Grund zur Klage mehr — während der Spiele hatten sie sich beschwert, daß ihnen beim Saubermachen im Olympischen Dorf überall Spritzbestecke und Kanülen untergekommen wären. In der geballten Medien-Berichterstattung über die Spiele werden solche Nachrichten nur am Rande erwähnt — daß der Spitzensport zum Spritzensport geworden ist, paßt nicht ins Bild vom strahlenden Olympiasieger, für den das Medaillentreppchen, wie die Reporter immer wieder versichern, den unvergeßlichen Höhepunkt des Lebens darstellt. Gewiß, viele Sportler lehnen Doping konsequent ab und schaffen den Sprung an die Spitze allein mit Talent und Trainingsfleiß — für immer mehr Athleten aber führt der Weg nach oben über die Apotheke — der Stoff, aus dem Medaillen sind, mag Gold, Silber und Bronze heißen, dahinter freilich stecken immer häufiger die Segnungen der pharmazeutischen Industrie. Und warum stößt die Forderung zahlreicher Athleten, über Bluttests auch lange zurückliegende Manipulationen nachzuweisen, bei den verantwortlichen Funktionären immer noch auf taube Ohren? Weil es mit konsequenten internationalen Kontrollen bei der nächsten Olympiade statt schneller, höher, weiter eher langsamer, niedriger, kürzer zuginge. Und das ist weder im Interesse der Funktionäre, deren Wiederwahl an Medaillen hängt, noch der Sponsoren, die für ihr Geld Rekorde und Spitzenleistungen verlangen. Welcher Teufelskreis hier am Werke ist, zeigte gerade der Fall Krabbe: Auf die Frage, warum er seinen Sprinterinnen verbotene Kälberhormone verabreicht habe, meinte ihr Trainer: um den durch die Doping-Diskussion verursachten Trainingsrückstand wieder aufzuholen.
Es macht keinen Sinn, das Frisch Fromm Fröhlich Frei im Sport zu beschwören, wo Mammon, Macht und Moneten in Stadien und Turnhallen längst das Regime übernommen haben. Doch gerade als professionelles Unternehmen der modernen Unterhaltungsindustrie kommt der Sport nicht umhin, in Sachen Dopingkontrolle endlich konsequent zu werden. Die von einigen Experten geforderte Freigabe würde die Chancenungleichheit zementieren — siegen könnte nur noch, wer die beste Medizintechnik und einen innovativen Pharmakonzern hinter sich hat. Von dort ist es dann nicht mehr weit zum Horror einer Freak- Olympiade im Zeichen der Gentechnik: Drei Meter hohe Basketballer, Schwimmer mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern... Wer sich privat per Pille den Bizeps auf die Größe einer Wassermelone anschwellen lassen möchte, mag das tun — wer diesen Bizeps aber in sportlicher Konkurrenz einsetzen will, verstößt gegen die Geschäftsgrundlage: den fairen Wettbewerb.
Kurzfristig mag die Spritze Spitzenleistungen garantieren, längerfristig ruiniert sie das ganze Geschäft. Sport ist Biodynamik schlechthin — und die biobewußten Zuschauer werden immer weniger bereit sein, sich wachstumsgehemmten Küken aus der Turner- Batterie, gewichthebende Chemie- Ochsen und rasende Hormon-Kälber reinzuziehen. Die ökologische Wende im Sport ist überfällig — damit es spannend bleibt, muß neben den alten Welt- und Olympiarekorden nur eine neue, garantiert dopingfreie, Norm eingeführt werden: der Biorekord.
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