GASTKOMMENTAR: Zaire gehört abgeschafft
■ Im Reiche Mobutus wagt die Opposition die Machtprobe
Mein Land Kongo war viele Jahre lang der Privatbesitz des Königs von Belgien. Unter belgischer Kolonialherrschaft gab es für kongolesische Menschen keine Ausbildungsmöglichkeiten, keine Pressefreiheit und keine Versammlungsfreiheit. Alle Reisen ins Ausland waren praktisch unmöglich. Um einen Paß zu bekommen, mußte man 100 Dollar als Kaution bezahlen. Selbst dann war es nicht sicher, ob man wirklich einen Paß bekam.
Jetzt heißt mein Land Zaire und ist der Privatbesitz des Diktators Mobutu. Die Republik Zaire wurde nach den Vorstellungen Mobutus konstruiert. Nach seinem Staatsstreich vom 24. November 1965 entließ der Diktator die Volksvertretung und verlangte die Legislative, die Exekutive und die Gerichtsbarkeit für sich selbst. Offizielle Ideologie wurde der „Mobutismus“: Die Menschen müssen an erster Stelle glauben, was er als Präsident sagt. Der Glaube an Gott kommt an zweiter Stelle. Dies war gebilligt durch das Politbüro der einzigen und alleinigen Partei MPR.
26 Jahre lang ist der diktatorische Präsident Mobutu von Frankreich und den USA protegiert worden, weil er unser Land vor der kommunistischen Beeinflussung bewahrt hat. Mehrere Male wollte das Volk dieser Diktatur ein Ende setzen, aber die erwähnten Beschützer sowie Belgien und Marokko kamen Mobutu immer schnell zu Hilfe. Inzwischen sehen die USA, Frankreich und Belgien die Lage realistischer. Sie haben sich entschlossen, gemeinsam den Versuch zu unternehmen, der Diktatur ein Ende zu setzen.
Jetzt diskutiert die Nationalkonferenz politische Reformen, stellt sich offen gegen die Regierung und beansprucht, oberstes Entscheidungsorgan im Staat zu sein. Doch es ist bedauerlich, daß man noch heute die gleichen Köpfe in der Opposition findet wie zu Beginn unserer Unabhängigkeit vor dreißig Jahren. Seit 1960 hat die Opposition mitgearbeitet an Mobutus „ruhmvoller“ Herrschaft in Zaire und an der Verbreitung seiner Vorstellungen in anderen Ländern. Inzwischen gibt es in Zaire 250 Parteien. Doch 80 Prozent davon arbeiten mit der diktatorischen Regierung. Man braucht sie, aber sie dürfen nur tun, was Mobutu von ihnen verlangt. Sie arbeiten nicht, aber sie wirtschaften das Geld des Volkes in die eigenen Taschen. Die 2.500 Delegierten der Nationalkonferenz gelten als Abgeordnete, sind aber nicht vom Volk gewählt. Sie verdienen täglich 700.000 Zaires (70 Mark) — ein Beamter verdient im Monat 150.000 Zaires (15 Mark) bei täglich fortschreitender Inflation. Es ist, als ob Mobutu dem Volk schwarze Brillen verteilt, damit es, wie er, das Elend und die Realität nicht sieht. Er beobachtet die Opposition und wird nach einer Pause versuchen, Kontrolle über Politik und Wirtschaft wiederzuerlangen.
Als es 1960 Probleme mit dem belgischen Militär und der drohenden Abtrennung der Provinz Katanga gab, reiste der damalige Premierminister Lumumba zur UNO, um beim Sicherheitsrat Hilfe zu finden. Aber er fand sie nicht. Sonst hätten wir schon damals ein freies Land Kongo haben können. Statt dessen haben wir eine üble Diktatur. Die Errichtung einer wirklichen Demokratie in unserem Land kann nur gelingen, wenn die Republik Zaire in ihrer jetzigen Form verschwindet. Bilenda Lomamy
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 210 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen