Fußball: Der Cottbus-Komplex

Nach der Heimniederlage von Hertha BSC gegen Energie Cottbus hagelt es Vorwürfe: Kapitän Arne Friedrich spricht von "einer Katastrophe", Trainer Lucien Favre präsentiert eine endlose Mängelliste.

Die Cottbusser Mariusz Kukielka (rechts) und Atan Cagdas freuen sich nach dem 1:0-Sieg ihrer Mannschaft. Bild: Sören Stache/dpa

Während seine Berliner Teamkameraden sich nach der Partie mit hängenden Köpfen davonschlichen, stellte sich Arne Friedrich kerzengerade vor den Reportern auf. Er schimpfte das Berliner Spiel "eine Katastrophe" und sprach verächtlich von einer "total leidenschaftslosen" Vorstellung des Teams.

So schnell hatte der grimmige Hertha-Kapitän nach der 0:1-Niederlage gegen Energie Cottbus die Rolle des Anklägers übernommen, dass man eines beinahe vergessen hätte: Er zählte ja selbst zu den Adressaten seiner Anklage. Die historische Dimension der Niederlage (die siebte im elften Aufeinandertreffen) konnte auch Friedrich nicht erklären. Das Duell Hertha gegen Cottbus bleibt eines der großen ungelösten Rätsel des Bundesligaalltags. Die Berliner sind die einzigen in der Eliteklasse, die sogar zu Hause regelmäßig an den Lausitzern verzweifeln.

Das jüngst aufgrund innerer Zerstrittenheit ins Gerede geratene Team aus Brandenburg hingegen fand bei seinem ersten Saisonsieg zur alten Leitidee zurück, die Mario Cvitanovic so wiedergab: "Wir haben nicht die besten Einzelspieler. Nur zusammen, mit absolutem Einsatz, können wir etwas erreichen." Beispielgebend dafür war in der Schlussviertelstunde folgende Szene: Als sich der Berliner Verteidiger Josip Simunic in die Offensive einschaltete, umstellten ihn nahe der Eckfahne gleich drei Cottbuser, als gelte es, ein Dribbelgenie nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Das zeichnet das Spiel der Gäste aus: Selbst den kleinsten Gefahrenquellen begegnet man mit größter Konsequenz.

Daran hatten die Berliner zu knabbern: Trotz dominanter Spielgestaltung waren sie nahezu chancenlos. In der Anfangsphase hatte ihr Offensivspiel noch etwas Schwung. Doch nachdem in der 13. Minute der Cottbusser Stanislav Angelov seinen Gegenspieler Marc Stein auf der rechten Seite überrannte und Branko Jelic seinen Pass zum 1:0 verwandelte, verzagten die Berliner bis zum Schlusspfiff. Chefankläger Friedrich nannte das "eine Frechheit".

Halbseidene Erklärungsangebote nahm Trainer Lucien Favre hinterher erst gar nicht an. Ob es an der Einstellung gelegen habe, wollte einer von ihm wissen. Die Cottbusser hätten sich ja im Unterschied zu den Herthanern vor der zweiten Halbzeit Arm in Arm in einem Kreis eingeschworen. Der Schweizer schüttelte verständnislos den Kopf. Nein, solchen Schnickschnack mochte der analytisch denkende Favre für den Verlust der drei Punkte nicht gelten lassen. Etwas widerwillig antwortete er dann: "Wir haben den Kreis in der Kabine gemacht."

Mit ungewohnter Klarheit wies Favre auf ein generelles Problem jenseits des Berliner Cottbus-Komplexes hin: "Es ist klar, wir haben Mühe, das Spiel zu machen. Und die Gegner wissen das." Favres Mängelliste vom Samstag war lang: fehlendes Tempo, zu wenige richtige Bewegungen im Spiel nach vorne, zu viele technische Defizite und dadurch zwangsläufig auch zu viele Ballverluste.

Nach dem Pokal-Aus Mitte vorletzter Woche in Dortmund und der Niederlage vom Samstag ist Hertha wieder einmal aus seinem kühnen Traum von der nahen großen Zukunft aufgeschreckt. Manager Dieter Hoeneß, der ansonsten auch nach Rückschlägen stets zum Reifeprozess der Hertha Stellung bezieht, mied dieses Mal den Pressebereich. Die Grundsatzkritik von Lucien Favre hatte es schon deutlich gemacht. Das Spiel gegen Cottbus war mehr als nur eine Niederlage. Nun gilt es am Dienstag den Super-GAU zu verhindern. Das Ausscheiden aus dem Uefa-Cup beim irischen Vertreter St. Patricks Athletic.

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