: Friedensmedaille für Simon Wiesenthal
■ Preisträger will von DDR gedeckte Naziverbrecher aufspüren/ Dossier mit hundert Fällen vorbereitet
Berlin (ap/afp) — Der Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, Simon Wiesenthal, ist am Dienstag in Berlin mit der Otto-Hahn-Friedensmedaille ausgezeichnet worden. Die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen würdigte damit seinen jahrzehntelangen Einsatz für Gerechtigkeit, Menschenwürde und Völkerverständigung und nannte ihn ein bemerkenswertes Vorbild für Zivilcourage.
Wiesenthal will die Fälle ehemaliger Nazis aufdecken, die durch den Schutz des DDR-Regimes der Strafverfolgung entgehen konnten. Er stelle derzeit ein Dossier für Bundesjustizminister Klaus Kinkel (FDP) zusammen, das mehrere hundert Namen enthalte, sagte Wiesenthal am Dienstag vor Journalisten in Berlin. „Die DDR hat viele Nazis mit dem Wissen über ihre Vergangenheit erpreßt und als Spione eingesetzt“, erklärte der 83jährige.
Die Akten der Gauck-Behörde könnten jetzt bei der Verfolgung der Täter weiterhelfen. Die DDR habe sich stets der Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik bei der Verfolgung von Naziverbrechern verweigert, sagte Wiesenthal. Mehrere hundert Rechtshilfeersuchen der deutschen Justiz seien nicht einmal beantwortet worden.
Weil dadurch wichtige Fakten und Zeugenaussagen fehlten, hätten viele Prozesse gegen mutmaßliche Naziverbrecher abgebrochen und Verfahren eingestellt werden müssen. Er wolle dem Justizminister in seinem Dossier vorschlagen, die Verfahren jetzt wieder aufzunehmen, sagte Wiesenthal.
„Viele in Westdeutschland lebende DDR-Spione waren von der DDR erpreßte ehemalige Nazis“, sagte Wiesenthal. Die Stasi-Akten bei der Gauck-Behörde stellten deshalb einen möglichen Zugriff zu diesen Fällen dar. „Vielleicht können wir auf diese Weise etwas abschließen“, meinte der Nazi-Fahnder. Er habe bereits einen Fall exemplarisch verfolgt, über den er jedoch keine Einzelheiten nennen wollte. Als erster solle darüber Justizminister Kinkel unterrichtet werden, dem er das Dossier noch im Januar übergeben werde.
Wiesenthal war 1945 aus dem Konzentrationslager Mauthausen befreit worden. „Damals konnte ich nicht ahnen, daß ich mich den Verbrechen der Nazis bis zum Ende meines Lebens widmen würde“, sagte Wiesenthal. Seine Arbeit bezeichnete er als „Warnung an die Mörder von morgen, die vielleicht heute geboren werden“. Als aktuelles Problem nannte Wiesenthal die Situation in Osteuropa nach dem Sturz des Kommunismus. „Vorher leisteten sich die Menschen den Rassismus dort nur hinter vorgehaltener Hand, heute ist er offene Meinung.“
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen