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Frauenpower im Windschatten Rosalías

Von Katalonien über La Palma und Galicien bis Andalusien und Menorca: In Spanien bringen junge Musikerinnen eigenwillige zeitgenössische Folkpop-Alben heraus, die Tradition und Moderne miteinander verbinden

Von Katrin Wilke

Bei den Weltmeisterschaften der Rhythmischen Sportgymnastik in Frankfurt am Main im August räumten die Spanierinnen in diversen Disziplinen ab, unter anderem zur Musik von Superstar Rosalía aus Katalonien. Neben ihrem zur Hymne avancierten Song „Berghain“ enthielt die Playlist der Sportlerinnen aber auch das Lied „Cuídate“ der fünf Jahre jüngeren Valeria Castro.

Die kanarische Singer-Songwriterin und Pianistin Castro sorgte zu Pandemiezeiten mit gelungenen Covers in den sozialen Medien für viel Aufmerksamkeit. In ihrer feinnervigen Art zu singen, in Songs wie dem Latin-Grammy-nominierten „La raíz“, den sie ihrer Heimatinsel La Palma nach dem Ausbruch ­eines Vulkans an der Cumbre Vieja ­gewidmet hat, legen heimische ­Traditionen ihre Spur.

Castros sympathisch minimalistische, hier und da mit subtiler Elektronik versehene Songs liegen auf mittlerweile drei vielfach prämierten Alben in nur vier Jahren vor. Eine intensive Turbokarriere, welche die erschöpfte und um ihre mentale Gesundheit besorgte Kanarin 2025 temporär aus der Musikwelt aussteigen ließ. Seit einigen Monaten wieder zurück tourt sie im Oktober durch vier europäische Metropolen, stoppt jedoch leider nicht bei uns.

Auf ihrem zusammen mit dem spanischen Starproduzenten Carles Campi Campón erarbeiteten Album „el cuerpo después de todo“ (2025) ist auch die ihr stimmlich und spirituell teils ähnliche Sílvia Pérez Cruz (bis 2011 erste Leadsängerin der Frauenband Las Migas) zu hören. Die längst weltweit geschätzte Vokalistin und Komponistin Pérez Cruz ist zu einer Art weibliche Galionsfigur der zeitgenössischen innovativen Folklore in Spanien geworden. Allein in ihrer Heimat Katalonien gibt es weitere experimentierfreudige junge Musikerinnen wie Judit Nedderman, Rita Payés, Queralt Lahoz oder María Arnal, die auf ihrem Album „AMA“ (2026) sehr eigenwillig mit Polyfonie und Elektronik operiert.

Sílvia Pérez Cruz, die (wenn auch nur hintergründig) auf Rosalías Album „Lux“ gefeatured wird, verbindet mit dem Weltstar die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Raül Refree aus Barcelona, der kreativer Wegbereiter beider Karrieren war. Um ihn reißen sich seit Jahren die charismatischsten Sängerinnen – nicht nur Spaniens – für die Arbeit an ihren Alben. Der so gewiefte wie introvertierte Refree, der an den Produktionen oft auch als elektronikaffiner Multiinstrumentalist beteiligt ist, sorgte für einige der innovativsten Veröffentlichungen der letzten Jahre.

Refrees vielgestaltiges, atmosphärisches Folktronica-Duoprojekt Gala i Ovidio („Un Final Que Parece Un Principio“, 2025) ist die neueste Frucht seiner spät geweckten Liebe für Galicien. In den höchsten Tönen lobt Refree die überaus reichhaltige, ebenso rootsige wie futuristische Musikszene dort im hohen Norden der Iberischen Halbinsel. Diese wird von jeher vor allem von Frauen befeuert – den Tambur spielenden, dazu mit besonderer Intensität singenden Pandeireteiras.

Ihre Tradition führen junge Galicierinnen auf zeitgenössische Weise fort: Neben Pionierin Mercedes Peón heutzutage auch Refrees Duopartnerin Aida Tarrío, die mit den Zwillingsschwestern Olaia und Sabela Maneiro die Band Tanxugueiras bildet. Eine von nicht wenigen Frauenformationen, die den so archaisch wie vital anmutenden Klangkosmos der Pandeireteiras samt deren Repertoire per Elektronik und teils modernem, gern explizit feministischem Songwriting hin zur Zukunft und zur Welt öffnen.

Tanxugueiras haben bislang vier Alben veröffentlicht und auch schon gemeinsame Sache mit Valeria Castro und dem Folkpopstar Rozalén gemacht. 2022 wurden sie im Vorentscheid für den Eurovision Song Contest massiv gefeiert, aber letztlich von der Jury abgelehnt. Drei Jahre später überzeugten sie dann bei einer KEXP-Liveradiosession. Kein Zweifel – musikalische Frauenpower made in Spain entfaltet sich trotz ihrer jeweiligen regionalen Verwurzelung mühelos über Stil- und Landesgrenzen hinweg.

Das Pilgerziel Santiago de Compostela, wo die Tanxugueiras 2016 gegründet wurden, ist auch die Geburtsstadt der Singer-Songwriterin und Gitarristin Antía Muíño. Sie beschreitet musikalisch einen ähnlich angenehm unklassifizierbaren, möglichst klischeefernen Weg wie die Kanarin Valeria Castro, nur eben von ihrer eigenen Materia prima ausgehend.

Die galicisch- und spanischsprachigen Songs der klassisch ausgebildeten, von früh an mit den heimischen Traditionen vertrauten Mittdreißigerin sind von Indiepop, Jazz und diverser iberoamerikanischer Populärmusik imprägniert und bis dato auf zwei Alben versammelt („Carta Aberta“ 2022, „Anfibia Por Veces“ 2026). Nachdem Muíños Debüt viel Beachtung und vergleichsweise sensationelle Streamingzahlen erzielte, verschafft sich die Galicierin auch außerhalb Spaniens Gehör, etwa in Tschechien, Marokko und im nahen und seelenverwandten Portugal. Und auch mit den Flamenco-fusionierenden Las Migas hat sie schon mal das Mikrofon geteilt.

Bei der aus der Provinz Córdoba, einem der Flamenco-Epizentren, stammenden María José Llergo steht diese originär andalusische Musik im Zentrum ihres Tuns. Allerdings versetzt auch sie – ähnlich wie die Cordobesa Mariola Membrives – den Flamenco und seine Tradition in größere, unkonventionelle Kontexte, bis hin zu Urban Music. Die profund flamenco-geschulte, später durchs Studium auch jazzkundige Künstlerin kann es mit ihrem expressiven Gesang durchaus mit einer Rosalía aufnehmen. Und die Andalusierin Llergo erhielt auch schon eine Art Ritterschlag, als sie 2024 zur populären Tiny-Desk-Konzertreihe eingeladen wurde, als damals erst fünfter spanischer Act überhaupt.

Anna Ferrer von der kleinen Baleareninsel Menorca „dekomponiert“ und „dekonstruiert“ währenddessen „Lieder aus anderen Zeiten“, wie sie über sich im Bandcamp-Portal schreibt. Mit dem komplett selbstverfassten Material ihres vierten Longplayers „PA“ (2026), das mal wie altes Liedgut anmutet, mal wie imaginäre Folklore, huldigt Ferrer dem Brot und dem damit verbundenen Bäckerhandwerk. Das hat in ihrer Familie eine lange Tradition und wird nach vier Generationen womöglich mit dem Vater zu Ende gehen.

Ferrer sieht Zusammenhänge zwischen ihrem kreativen Schaffensprozess und dem beharrlichen, ehrwürdigen Tagwerk ihres Vaters. Zur Pflege des eigenen kulturellen Erbes kommt bei ihr aber auch die Lust am Experimentieren und Grenzüberschreiten. Im Grunde ist es genau diese Verbindung, die all die jungen spanischen Neofolk-Visionärinnen an- und umtreibt: Wertvolle alte Traditionen am Leben erhalten und sie zugleich mit neuen Impulsen versehen.

Alben:

Valeria Castro: „el cuerpo después de todo“ (2025)

Sílvia Pérez Cruz: Oral_Abisal (2026)

María Arnal: „AMA“ (2026)

Gala i Ovidio: „Un Final Que Parece Un Principio“ (2025)

Tanxugueiras: O Cuarto (2026)

Antía Muíño: „Anfibia Por Veces“ (2026)

María José Llergo: „El Juego (2026)

Anna Ferrer: „PA“ (2026)

Konzerte:

María José Llergo, 28. September., Frannz Club, Berlin

María Arnal, 24. Oktober, Gretchen, Berlin

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