Frauenhass der Taliban: Rettet die Afghaninnen!

Auch deutschen Feminist:innen sollten sich für Frauen und Mädchen in Afghanistan einsetzen.

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Von UDO KNAPP

Die Frauen und Mädchen, die in (…) Afghanistan im Vertrauen auf westliche Werte und Schutz in den vergangenen Jahren etwas freier gelebt haben, sind in akuter Lebensgefahr. Deshalb sollte Deutschland (…) jetzt eine klare Entscheidung treffen: nämlich nur Frauen und Kinder aufnehmen. Mehr noch: Wir sollten versuchen, den Frauen einen Weg zu uns zu bahnen. Eine Brücke für diese Frauen muss Teil unserer diplomatischen Verhandlungen sein. Vielleicht können gerade sie ja eines Tages zurückkehren, um ein humanes Afghanistan mit aufzubauen.“ Alice Schwarzer in der Welt

Frau Kanzlerin Merkel, Frau Kramp-Karrenbauer, Frau Baerbock und Frau Giffey zeigen sich übereinstimmend erleichtert, dass die Bundeswehr den Abzug der deutschen Soldaten aus Afghanistan ohne größere Kollateralschäden hinbekommen hat. Die besondere Bedrohung der Frauen und Mädchen, ihr Verschwinden hinter der Burka und schon nach wenigen Tagen Herrschaft der Taliban aus der Öffentlichkeit, die Wiedereinführung der Scharia, womit, nur z.B., die öffentliche Steinigung von „Ehebrecherinnen“ wieder möglich wird: Das alles wird auch von den führenden Frauen der Republik bedauert, aber das war es dann auch. Wir haben jetzt schließlich Wahlkampf.

Etwa 5.000 Afghanen hat die Bundeswehr ausgeflogen, unter ihnen 138 Ortskräfte und deren Familien. Die USA haben im gleichen Zeitraum trotz eines Anschlages mit 18 ermordeten amerikanischen Soldaten und ungezählten Opfern unter den Wartenden vor dem Flughafen Kabul mehr als 100.000 Afghanen über ihre Luftbrücke ausgeflogen. Nach Aussagen der Kanzlerin sind etwa 50.000 Ortskräfte der Bundeswehr und andere mit einer Garantie auf eine Einreise in die Bundesrepublik zurückgeblieben. Außenminister Maas verhandelt mit den islamischen Nachbarautokratien Afghanistans über geschützte Landfluchtwege. Zusagen hat er bisher nicht erreicht. Pakistan, das schon immer die Taliban unterstützt hat, lässt ihn unverrichteter Dinge wieder abreisen. Angefeuert von Österreichs Ministerpräsident Kurz und etwas verschwiemelt beschließen die europäischen Innenminister faktisch, keine Flüchtlinge aus Afghanistan aufzunehmen. Die sollen in der Region bleiben und dort unterstützt werden. Präsident Biden erklärte, dass die USA nie wieder versuchen würden den Kampf für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie, also „nationbuilding“ im Sinne westlichen, liberalen Denkens, mit militärischen Mitteln voranzutreiben, es sei denn amerikanische Interessen und vor allem amerikanische Sicherheit seien unmittelbar bedroht.

Zurück ins Unsichtbare

Das war's dann. Wir sehen eine Teilung der Welt in militant weltweit ausgreifende, antidemokratische oder islamistische Autokratien oder Diktaturen auf der einen Seite und westliche Demokratien auf der anderen, die nur ihren eigenen Hinterhof verteidigen und sich in jeder anstehenden Weltfrage auf ihre eigenen Interessen fokussieren. Alle, die im Osten für Freiheit und Demokratie kämpfen, können auf den Westen jenseits großer Worte und Gesten nicht mehr zählen. Sie sind verlassen und auf sich selbst gestellt.

Den Preis dieser Politik zahlen zuallererst die Frauen; überall im Osten, aber ganz besonders brutal in Afghanistan. Hier haben Frauen in den letzten 20 Jahren nach westlichem Muster der Frauenbewegungen ihre Unterdrückung reduziert. Frauen und Mädchen sind zu Tausenden in die Schulen und Universitäten eingezogen mit riesigen Erfolgen. Ärztinnen, Musikerinnen, Richterinnen, Ministerinnen, Beamtinnen, Ingenieurinnen und Lehrerinnen haben den Umbau der afghanischen Gesellschaft hin zu Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung vorangebracht. Dafür werden sie von den islamistischen, den archaisierenden und blindwütig mordenden Taliban-Machos gehasst, verfolgt, erschlagen und erneut ins Unsichtbare zurück gezwungen.

Hier setzt die Publizistin und Feministin Alice Schwarzer an. Aber ihr Appell, zuerst die Frauen zu retten, als die wichtigste Zukunftsressource für ihre Leute zuhause, findet kein Echo. Wie vor fünfzig Jahren steht Schwarzer erneut allein und schlicht ignoriert in der politischen Öffentlichkeit. Es gibt allerdings einen dramatischen Unterschied. Im Westen und besonders in der Bundesrepublik war die von ihr und ihren Mitstreiterinnen angetriebene Frauenbefreiung überaus erfolgreich. Auch wenn die „Gläserne Decke“ immer noch nicht gänzlich weggeräumt ist, sind Frauen in der Bundesrepublik auf dem Weg an alle Schaltstellen der Gesellschaft. So sind heute fast die Mehrheit der Ärzte Ärztinnen, bei den Juristen wird es bald ähnlich sein und sogar in den Mintberufen geht es voran, in der heiligen Männerdomäne Aufsichtsrat und in der Politik sowieso. Alles sehr langsam, aber stetig.

Das politische Schweigen der Frauenbewegung ist unverständlich

Umso unverständlicher ist das politische Schweigen der Frauen angesichts des bisher dramatischsten Rollbacks im weltweiten Kampf um gleiche Lebensrechte. Die Frauenbewegung ist mit genderbewegten Sprachspielereien beschäftigt oder mit Versuchen, das Tragen von Schleiern in Schulen und Behörden als identitätstiftendendes Freiheitsrecht zu verteidigen.

Dabei würde im Wahlkampf eine einzige Demonstration von hunderttausend wütenden Frauen in Berlin reichen, um die Bundesregierung dazu zu zwingen, ein Sondervisaprogramm für alle besonders gefährdeten Afghaninnen aufzulegen und sicher zu stellen, dass Frauenrechtlerinnen aus „Regimen, die sich auf die misogyne Auslegung der Scharia stützen, Regimegegnerinnen sind, die ein uneingeschränktes Recht auf politisches Asyl in der Bundesrepublik“ haben. So hat es Anna Sauerbrey im Tagesspiegel formuliert.

Vielleicht sollten die erfolgreichen Frauen in der Bundesrepublik sich mal den Film über die „Unbeugsamen“ ansehen. Unprätentiös und zu Herzen gehend zeichnet er den Weg nach, den etwa Frau Schwarzhaupt, Frau Süssmuth, Frau Nickels und viele andere gegangen sind, um Frauen und Mädchen alle Zukunftspfade in unserer Gesellschaft zu öffnen. Möglicherweise verstehen sie dann, dass sie bei weiterem Schweigen zum Elend der Frauen in Afghanistan ihren so mühevoll erkämpften Anspruch darauf verlieren, ernst genommen zu werden. Schlimmer noch: ihren eigenen Erfolg gefährden.

UDO KNAPP ist Publizist.