Frauenfußball in Kreuzberg: Schießen für den Frieden

Sie wollen ein Zeichen setzen: Bei Mifalot Hinuch spielen Jüdinnen und Araberinnen aus Israel, Palästina und Jordanien zusammen. Ab Montag auch bei "Discover Football" in Kreuzberg.

Frauenschuh am Ball: Ab Montag auch in Kreuzberg. Bild: dapd

Elf Frauen schießen - für den Frieden in Nahost. Während Politiker in Israel und dem Westjordanland um eine politische Lösung ringen, arbeiten die Fußballerinnen von Mifalot Hinuch längst an einem gemeinsamen Ziel: Das Runde muss ins Eckige.

Parallel zur Frauen-WM tritt das Team gegen Frauenmannschaften aus vier verschiedenen Kontinenten an - beim Fußball-Kulturfestival "Discover Football" in Kreuzberg. Beim Turnier im Willy-Kressmann-Stadion an der Dudenstraße steht nicht nur die sportliche Leistung im Vordergrund, sondern auch das soziale Engagement.

Mifalot ist Sportverband und Sozialprojekt in einem. Es will in einem Team zusammenbringen, was sich sonst als Gegner gegenübersteht. Nach Kreuzberg reisen elf Kickerinnen: jüdische Israelis, arabische Israelis und jordanische Palästinenserinnen.

Vom heutigen Montag bis zum 3. Juli steigt das internationale Frauen-Fußball-Festival in Kreuzberg. Das Zentrum bilden die Fußballspiele im Willy-Kressmann-Stadion am Viktoriapark. Im Turnier stehen 8 Frauenfußballteams.

Die Veranstalter haben Wert darauf gelegt, dass keine professionellen Vereine dabei sind, sondern Teams, die sich zum Beispiel für interkulturelle Fußballbegegnungen engagieren. Mit dabei sind unter anderem Mannschaften aus Brasilien, Indien und Ruanda.

Über die Spiele hinaus gibt es Workshops, Public-Viewing-Angebote und ein Mädchen-Fußballcamp. Mehr Infos unter www.discoverfootball.de.

Viele Palästinenser, die im Westjordanland wohnen, kennen jüdische Israelis nur als Soldaten oder als Siedler. Auch in Jordanien ist die Skepsis groß - obwohl das Land neben Ägypten als einziges in der Region offiziell Frieden mit Israel geschlossen hat. Spannungen sind aber auch innerhalb Israels zu spüren: Viele arabische Israelis fühlen sich im eigenen Land diskriminiert. Durch gemischte Fußballteams sollen sich alle Seiten besser kennenlernen und miteinander statt gegeneinander spielen.

Letztes Training in Tel Aviv: Die Passübungen und das Testspiel klappen schon ganz gut. Dass nicht alle eine Sprache sprechen, stört hier niemanden wirklich, man ist es in Israel gewohnt. Und für "Pass!" und "Shoot!" reicht das Englisch allemal.

Fürs Schießen ist Faten zuständig. Die 21-jährige ist Stürmerin aus Jordanien und für das gemeinsame Training zum ersten Mal in ihrem Leben nach Israel gekommen. Ihre Familie war von der Reise erst nicht begeistert. Dann hat sie ihre Eltern aber überzeugt - schließlich geht es um Fußball und nicht um Politik. Sie selbst war überrascht von ihrem ersten Eindruck: "Ich dachte, Israel sei hässlich, aber eigentlich sieht es ganz hübsch aus."

Schon einen Tag vor dem Training ist Faten nach Israel gereist, besser gesagt: in die palästinensischen Autonomiegebiete. In Jenin hat sie Verwandte besucht. Ein Risiko, denn für das Westjordanland gilt ihr Visum nicht. Der Abstecher blieb unbemerkt, und Faten ist froh, dass sie heute für das Mifalot kicken kann.

"Das Verhältnis zwischen Juden und Arabern ist oft schwierig, aber beim Fußball gibt es viel weniger Probleme", findet Sahar. Die 19-jährige Verteidigerin muss es wissen: Sie ist israelische Araberin aus dem Dorf Deir al-Asad und spielt einmal im Monat in einem gemischten jüdisch-arabischen Team. "Mit unserem Team wollen wir ein Zeichen setzen. Ein Symbol, dass wir zusammenstehen", sagt sie.

Israelis und Palästinenser, die auf dasselbe Tor schießen: ein Zeichen, das nicht bei allen gern gesehen ist. Die Stimmung im Land ist aufgeheizt. Friedensgespräche sind nicht in Sicht, Israel blickt mit Sorge auf den September: Dann will die Palästinenserführung versuchen, die Aufnahme Palästinas in die Vereinten Nationen zu erreichen.

Ursprünglich sollten auch zwei palästinensische Fußballerinnen aus dem Westjordanland mit nach Deutschland fliegen. Sie hatten gemeinsam trainiert, Visa und Tickets lagen bereit. Aber dann gab es Druck. Man sehe es nicht gern, wenn sie mit dem gemischten Team ins Ausland führen. Es könne unangenehme Konsequenzen für sie haben, ließen ihre Arbeitgeber sie wissen. In letzter Minute sprangen die beiden Spielerinnen ab.

Problematischer als die Beziehungen zwischen Juden und Arabern ist für Verteidigerin Sahar allerdings der Umgang mit Frauensport in der arabischen Gesellschaft. Ein Frauenteam ist in ihrem Dorf nicht erlaubt - kicken dürfen nur die Jungs. Sprüche wie: "Wenn du Fußball spielst, findest du nie einen Mann", haben hier alle schon gehört - und trotzdem weitertrainiert.

Skeptische Eltern

"Als ich angefangen habe, Fußball zu spielen, war meine Familie erst sehr skeptisch", meint Stürmerin Faten, "aber irgendwann haben sie gemerkt, ich bin vom Fußballvirus infiziert - und Heilung ist nicht in Sicht."

Mit dem Vorurteil, Fußball sei unweiblich, haben auch deutsche Fußballerinnen noch zu kämpfen. Fünf Bundesliga-Spielerinnen wollen es im aktuellen Playboy entkräften. Was Faten davon hält, wenn Vorbilder die Hüllen fallen lassen? Ungläubiger Blick des Dolmetschers: Diese Frage könne er nicht übersetzen, das sei ihm zu peinlich. Faten kommt aus einer religiösen Familie, in Jordanien steht sie nur mit Kopftuch auf dem Platz.

Der Frauenfußball steht in Jordanien ganz am Anfang, ein Nationalteam gibt es erst seit sechs Jahren. Die israelische Mannschaft gibt es schon länger, populär sind die Kickerinnen jedoch nicht. "Für die Spielerinnen wird es eine tolle Erfahrung, bei der WM in Deutschland Weltklasse-Frauenfußball ganz nah zu erleben", glaubt Mifalot-Manager Gal Peleg. Denn für das Team steht in Berlin zum Beispiel auch das Eröffnungsspiel Deutschland - Kanada auf dem Programm.

Noch sind allerdings selbst unter den Mifalot-Spielerinnen die männlichen Profis beliebter. Auf dem Bewerbungsbogen für "Discover Football" nach ihrem Lieblingskicker gefragt, haben zehn von elf Spielerinnen Ronaldo, Messi und Co. genannt.

Mit dem Elfmeterschießen geht in Tel Aviv das letzte Training zu Ende. Fatens Schuss hat es in sich, doch die Spielerinnen haben jetzt anderes im Kopf als den Nahostkonflikt oder die Probleme des Frauenfußballs. Bevor es losgeht nach Berlin, muss noch einiges organisiert werden. Bei Crackern, Chips und Cola werden Details der Reise besprochen. Für viele ist es ihre erste Auslandsreise, ihr erster Flug, ihr erstes internationales Turnier.

Was sie in der fernen Stadt erwartet, wissen sie noch nicht so recht. "Ich habe gehört, dass in Berlin Menschen verschiedenster Religionen zusammenleben.", sagt Sahar. "Außerdem soll es kalt und windig sein und ziemlich voll werden während der Weltmeisterschaft."

Bei der Besprechung kommt Klassenfahrtatmosphäre auf. Vielleicht haben sie ja nach all dem Fußballspielen und -gucken noch die Chance, einfach ein paar laue Kreuzberger Sommernächte zu erleben.

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