: Frau Kim Yu-gam und die Geister
■ „Heilrituale und Handys“, eine Ausstellung im Museum für Völkerkunde
In der Sandkiste fing die Siebenjährige plötzlich an, sich seltsam zu benehmen, bestieg sodann allein einen Berg und fand in einem Versteck einen Fächer und Schellen. Kaum hatte ihr Vater sie gefunden, schlug er sie zur Strafe, das Kind aber fiel darauf für sieben Monate in eine seltsame Erstarrung. Doch am Tag der Wintersonnenwende begann sie zu tanzen: Eine neue Schamanin war geboren. Das ist kein altes Märchen, es geschah 1931 in Korea und ist Teil der Biografie von Kim Yu-Gam. Die heute 74-jährige ist in Hamburg zu Gast und eröffnete gestern die Ausstellung „Heilrituale und Handys“im Museum für Völkerkunde.
Auf 250 Quadratmetern zeigt die Ausstellung, wie sich uralte, aus Sibirien stammende Rituale mit der heutigen Welt des verstädterten Industrielandes Korea verbinden: Nach etwas Landeskunde geht es am Schamanenbaum vorbei zur Präsentation traditioneller und aktueller Gewänder sowie öffentlicher und privater Altäre.
Mag Schamanismus als vage Vorstellung inzwischen auch bei uns esoterische Mode sein, hier wird am konkreten Beispiel gezeigt, wie rituelle Techniken zwischen Buddhismus, Konfuzianismus und Christentum überleben und funktionieren. Tausende von Schamaninnen, mehr als buddhistische Mönche und christliche Priester zusammengenommen, beraten und helfen bei privaten, geschäftlichen und gesundheitlichen Sorgen und im Trauerfall. Dabei ist es meist keine Freude, von den Geistern gerufen zu werden. Die Berufung wird mit schweren Krankheiten erlitten, die anderen Religionen verteufeln den Schamanismus oder dulden ihn herablassend, die soziale Anerkennung ist keineswegs sicher. In Nordkorea ist Schamanismus verboten, die Regierung von Südkorea hat vor einigen Jahren Frau Kim Yu-gam zur „Trägerin eines bedeutenden immateriellen Kulturguts“ernannt.
Da Völkerkunde besser noch als über Artefakte und Bücher durch lebende Menschen und direkte Anschauung vermittelt wird, wird Kim Yu-Gam mit elf Assistenten und Musikern am Samstag einen vierstündigen Teil des Totenrituals „Seoul saenam kut“vorführen und am Sonntag über ihr Leben erzählen und Fragen beantworten.
Hajo Schiff
bis 21. Februar, Museum für Völkerkunde, Rothenbaumchaussee 64; Katalogbuch: Dölling und Galitz, 29 Mark; Ritual: Sa, 20 Uhr, Vortrag: So, 11 Uhr
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