"Frankfurter Rundschau" lagert weiter aus: Umzug ohne Abbruch

Die "Frankfurter Rundschau" hat durch das Tabloid-Format zumindest keine Leser verloren. Im Winter will sie online durchgestarten. Die Auslagerungen gehen weiter.

Gerade einmal rund 3.000 Exemplare mehr verkauft: Erste "Rundschau"-Tabloidausgabe. Bild: dpa

Heute vor einer Woche haben sie gestreikt bei der Frankfurter Rundschau (FR), wegen eines "internen Tarifkonflikts", wie eine schmale Notiz auf der Seite 1 die LeserInnen informierte. Die überregionale Ausgabe hatte nur 32 statt der üblichen 56 Seiten. Und der dahinter stehende Knatsch dürfte für die Rundschau die nächste große Umwälzung in ihrer an drastischen Veränderungen nicht gerade armen jüngeren Geschichte bedeuten: Die Gewerkschaften müssen den einst am besten durchorganisierten Zeitungsverlag Deutschlands loslassen, wenn sie ihn langfristig retten wollen.

Vergangene Woche sollte wieder einmal der Druck auf die Geschäftsführung erhöht werden: Es geht um einen Sozialtarifvertrag, der Standards sichern soll für Beschäftigte, die von Ausgliederungen betroffen sind. Die FR bedient sich schon länger einer Leiharbeits-Tochter namens Pressedienst Frankfurt (PDF), in der zahlreiche Journalisten und Layouter angestellt sind. Jetzt sollen auch die technische Redaktion sowie Fotografen und Info-Grafik neu organisiert werden - in einer Rundschau-eigenen FR Design GmbH. Dort gelten laut Ver.di wie schon bei der PDF nicht mehr die Tarife der Zeitungsindustrie. Daher sieht die Gewerkschaft in der Auslagerung einen Bruch mit dem "konstruktiven Dialog", auf den sich die Geschäftsführung vor zwei Jahren verpflichtet hatte. Damals hatte das Kölner Medienhaus M. DuMont-Schauberg (Kölner Stadt-Anzeiger, Kölnische Rundschau, Express, Mitteldeutsche Zeitung) die finanziell schwer angeschlagene FR mehrheitlich übernommen.

Die nächste große und bis heute sichtbarste Veränderung kam dann ein Jahr später: Seit Ende Mai 2007 erscheint die FR im Tabloid-Format, früher war das Blatt doppelt so groß. Allmählich haben sie sich hereingefunden in die neue Form, spielen mit den Möglichkeiten: monothematische Titel, optisch auffällige Doppelseiten, magazinige Formen nicht nur im "Magazin" übertitelten täglichen Teil fürs Gesellschaftspolitische und Bunte. Reform gelungen, vom "Niveausprung" spricht Chefredakteur Uwe Vorkötter.

Sogar die Leser sind geblieben, obwohl es vor der Formatumstellung große Bauchschmerzen gab, dass die als eher veränderungsunwillig geltenden Stammleser dem Blatt den Rücken kehren. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte lautet: Es sind nicht wirklich mehr geworden.

Als der britische Independent, die Urmutter des Qualitäts-Tabloids, 2003 vom großen aufs kleine Format schrumpfte, konnte er sich über eine bis heute anhaltende Auflagensteigerung von rund 20 Prozent freuen. Die FR verkaufte nach nackten Zahlen im ersten Quartal 2008 mit gut 153.000 Exemplaren gerade einmal rund 3.000 mehr als im Vergleichszeitraum 2007 vor der Formatumstellung. Die wichtigere Zahl der Abonnements ist aber um 5.000 gefallen, der Einzelverkauf liegt mit knapp 20.700 Exemplaren (2007: 20.075) auch nur marginal besser. Zudem fehlen große Anzeigen. Bezahlte Werbung finden fast nur noch über die drei Regionalteile ins Blatt. Denn auch wenn die FR weiter eine überregional beachtete Stimme ist, fehlen ihr im Gegensatz zur FAZ oder Süddeutschen die von der Werbewirtschaft geforderten Entscheider unter den Lesern, heißt es an der Konzernspitze bei DuMont.

Die nächste große Veränderung steht im Dezember bevor. Dann zieht die FR aus ihrem Interimsquartier am Main ins neue eigene Gebäude, nach taz-Informationen soll sich die Rundschau parallel gleich noch mal neu erfinden und ein aus einem Guss in Print und Internet erscheinendes journalistisches Angebot werden. Mit nur noch einem Newsroom für die gedruckte Zeitung und FR-Online.

Man diskutiere derzeit, ob man auch ein oder zwei Videojournalisten dazuhole, sagt Vorkötter. "Was wir aber nicht haben werden, ist eine Redaktion, in der jeder alles macht."

Den Konflikt um die Auslagerungen sieht er gelassen: "Das wird kein Abbruchunternehmen", und wenn die Mitarbeiter demnächst sähen, was wirklich hinter der FR-Design-Idee stecke, werde man auch die Debatte über eigene GmbHs für die Regionalteile "ohne ideologische Scheuklappen" führen können. Und was sagt der Chefredakteur zum Vorwurf aus der Redaktion, da säßen in einer Zweiklassengesellschaft direkt bei der FR angestellte Redakteure neben den PDF-Leiharbeitern und bekämen erheblich unterschiedliche Gehälter für denselben Job? - "Ich kann nicht sagen, dass das nicht stimmt", meint Vorkötter.

Schon am vergangenen Streik-Donnerstag fragte sich mancher, "wer hier eigentlich für was und für wen" den Ausstand probte. Die Neusortierung der FR wird noch eine ganze Weile dauern. Immerhin wird sich niemand ganz neu orientieren müssen: Die FR-Geschäftsführung hat dem windigen PR-Berater Moritz Hunzinger eben mit rechtlichen Schritten gedroht, falls dieser weiter behauptet, die Rundschau stehe schon wieder zum Verkauf.

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