Fotografie: Vorsichtige Empathie

Die Fotografin Christa Zeißig zeigt, wie Globalisierung und Konsumwelt die europäische Landschaft prägen. Derzeit sind ihre Bilder in Braunschweig zu sehen.

Die Titel ist nüchtern, der Blick der Fotografin nicht: "Reshen - Albanien", aus der Serie "In Europa: Über Dörfer" (2004). Bild: Museum für Photographie Braunschweig

BRAUNSCHWEIG taz | Ein feuerroter Imbisswagen steht alleine in der Einöde. „Fast food“ steht auf dem Kühler. Eine Seite des Wagens ist hochgeklappt, sogar ein Plastikstuhl steht davor. Aber wer sollte sich hierher verirren?

Derartige Situationen aufzuspüren und mit distanziert kühlem Blick in wohlkomponierte Landschaftsbilder zu verdichten, ist das Thema der Künstlerin Christa Zeißig aus Wolfenbüttel. Der fotografischen Amateurin, die keine biografischen Daten preisgibt, widmet das Museum für Photographie in Braunschweig derzeit eine Ausstellung. Zu sehen sind zwei Serien: zum einen die farbige Folge „Neuland“, die ab 2011 an mehreren europäischen Orten entstand, zum anderen die Schwarz-Weiß-Bilder einer Langzeitstudie aus peripheren Lagen. Die Serie heißt „In Europa: Über Dörfer“ und entstand ab dem Jahr 2000.

Zeißigs Arbeitsweise kann in der Tradition der New Topographics gelesen werden, jener Haltung damals jüngerer Fotografen, die sich 1975 in der Ausstellung „Man-Altered Landscape“ in New York manifestierte. Dem Fotografen Lewis Baltz beispielsweise ging es um die Nähe zur bildenden Kunst. Er sah seine Fotografien nicht mehr als Abbild realer, individueller Situationen. Baltz recherchierte Prototypen, sein Interesse galt dem Allgemeingültigen, Zeichenhaften einer Konstellation.

Bei Zeißigs Landschaftsfotografien verhält es sich anders. In ihrem Neuland-Zyklus interessiert sie immer das Originelle, das Einzigartige eines überformten Ortes. So sind der Golfplatz unter Palmen, der verlassene Pool direkt am Meer, die stereotypen, strahlend weißen Ferienressorts allesamt Ausdruck einer dekadenten Zivilisation, werden in ihrer Eigenart jedoch überdeutlich zugespitzt.

Wie zum Beispiel das riesige Gewächshaus auf einem kargen Gebirgsplateau: Als überdimensionale Luftmatratze scheint es aus fernen Meeren angeschwemmt. Seine Gestalt und Funktion stehen für eine absurde Agrarpolitik, aber nur die fotografisch fein herausgearbeitete spezielle Situierung lässt es zum Fanal einer perversen westlichen Konsumwelt werden.

Während die Neuland-Bilder fast alle menschenleer sind, zeigen Christa Zeißigs ältere Schwarz-Weiß-Serien das volle Leben inmitten bitterer Armut und karger Orte. Sie war unter anderem in Rumänien und Albanien und spürte dort den Resten eines untergehenden sozialen Zusammenhalts nach, etwa der orthodoxen Religiosität oder der Ritualisierung des Alltags in traditionellen Familienfesten.

In diesen Bildern lässt Zeißig, neben dem sachlichen Blick der klassischen Dokumentarfotografin auch ihre persönliche Empathie durchscheinen. Aber sie verklärt das Prekäre nicht zur pittoresken, idyllischen Historie. Christa Zeißig registriert die Vorboten der unausweichlichen Globalisierung, sieht die Menschen bereits zerrissen zwischen modernen Lebensentwürfen und ihrem hilflosen Beharren auf eine althergebrachte Existenz.

bis 12. Januar 2014, Braunschweig, Museum für Photographie

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de