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Forget Forget

Michael Stich durchbricht als einziger Spieler im Halbfinale der Australian Open die Setzliste  ■ Aus Melbourne Bernd Müllender

Als der Matchball per 200 Stundenkilometer schnellem Aufschlag verwandelt war, sprang Stich-Gattin Jessica augenblicklich hoch und vollführte einen kurzen hüftbetonten Freudentanz, ganz nach Art des Roger Milla bei der letzten Fußball-WM. Michael hatte sich extra beeilt gegen Viertelfinalgegner Guy Forget aus Frankreich, damit die Liebste eine rauchen gehen konnte. Das hatte Jessica beim letzten Spiel während der Ballwechsel auf der Tribüne versucht und war vom Ordnungspersonal reichlich zurechtgestaucht worden. Rauchen gilt dem Aussie als Todsünde, auch bei offenen Plätzen.

Michael Stich hatte es, positiv ausgedrückt, ganz souverän gemacht, hatte perfekt serviert, war nie in Gefahr und zwang den Franzosen zu „vielen wackeligen Schlägen“ (Stich). Kritisch betrachtet war Stichs Spiel glanzlos, ohne Flair, ruckizucki und minimalistisch. In jedem Satz ein Break, den eigenen Aufschlag durchbringen – und die logische Folge war ein langweiliges 6:4, 6:4, 6:4. Sein „bestes Spiel bis jetzt in diesem Turnier“ sei es gewesen, und indirekt schickte er noch einen Gruß nach Leimen, respektive Monaco: Daß er nicht mehr abgelenkt sei von dem Theater um Boris Becker, den Daviscup, die ganzen Fragen, all das mache ihn jetzt stärker. Anders als andere Spieler redet Stich vom Turniersieg als Ziel; die Kollegen erwähnen grundsätzlich nur das furchtbar schwere nächste Match. Stich in Melbourne: eine Mischung aus Arroganz und demonstrativem Selbstbewußtsein.

Guy Forget stand auch ohne Stichs Aufschlaggewalt schon als Verlierer fest – zumindest laut der Macht der Statistik: Noch nie hat er bei einem Grand Slam ein Viertelfinale überstanden. Da reihen sich jetzt Wortspiel an Wortspiel im Flinders Park: Forget Forget, also: Vergiß Forget, oder auch schlicht der Name: Guy Forget. Das übersetzt der englischsprechende Mensch wahlweise mit „Typ, vergiß es“ oder „Den Typen kannste vergessen“.

Vergessen konnte man, zumindest vom Unterhaltungswert her, auch die anderen Viertelfinals. Stefan Edberg, scheinbar unbezwingbar, machte kurzen Prozeß mit seinem Landsmann Christian Bergström, der immerhin Lendl und den Vorjahreshalbfinalisten Wayne Ferreira aus Südafrika ausgeschaltet hatte. Das 6:4, 6:4 und 6:1 dauerte genau wie Stichs Spiel exakt kurze zwei Stunden, genauso wie der letzte Auftritt des eleganten Überraschungsneuseeländers Brett Steven. Der hatte Thomas Muster, den Russen Olchowski und den einheimischen Richard Fromberg abgefertigt, aber an Pete Sampras kam er nicht vorbei. „Gegen einen solchen Spieler“, sagte Steven, „darfst du nicht einen einzigen Ball etwas zu kurz spielen, sonst wirst du sofort bestraft. Ich hatte gehofft, Pete würde es mit der Zeit langweilig, gegen mich zu spielen.“ Wurde es ihm aber nicht: 6:3, 6:2, 6:3.

Der Weltranglistenerste Jim Courier machte es gegen den bedauernswerten Tschechen Petr Korda noch schneller, so daß beide überhaupt nicht in Gefahr kam, Schwierigkeiten mit der Langeweile zu bekommen. 6:1, 6:0, 6:4 hieß es am Ende, und der Weltranglistensiebte Korda wird lange zurückdenken müssen, wann er sich das letzte Mal eine solche Packung eingefangen hat.

Michael Stich war trotz seines Selbstvertrauens in Melbourne, wie gemein, nur an 14 gesetzt, was dem Elmshorner nicht besonders gefällt: „Ich war schließlich mal die Nummer drei, und dieses Jahr soll es wieder unter die Top fünf gehen.“ Rein rechnerisch ist sein Halbfinale schon eine Sensation. Die drei anderen sind die drei Top- Gesetzten. Stich ist quasi der Ersatz für Becker, der an vier gesetzt war. Nur: das mit dem Ersatz darf ihm, um Himmels willen, niemand sagen.

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